Miteinander reden heisst, einander zuhören

Haben wir noch Zeit, um gut miteinander zu reden? Zwischen allen Aufgaben und Terminen? Für Gespräche in der Familie und mit den Freunden und Freundinnen?

Reinhard Paulzen Pastoralassistent In Heerbrugg
Merken
Drucken
Teilen
In der Musik gilt die gleiche Regel, wie im Gespräch: Was mein Gegenüber sagt, verstehe ich nur, wenn ich genau hinhöre. (Bild: Archiv/Monika von der Linden)

In der Musik gilt die gleiche Regel, wie im Gespräch: Was mein Gegenüber sagt, verstehe ich nur, wenn ich genau hinhöre. (Bild: Archiv/Monika von der Linden)

Haben wir noch Zeit, um gut miteinander zu reden? Zwischen allen Aufgaben und Terminen? Für Gespräche in der Familie und mit den Freunden und Freundinnen?

Solche Gespräche verankern uns im Boden unseres Lebens, vernetzen uns und verleihen uns Flügel. Es sind Gespräche, wo ich nicht behaupte, im Voraus schon zu wissen, was mein Gegenüber sagen will und wie er das jetzt genau meint, sondern wo ich hinhöre. Denn ich kann mir nur vom Du sagen lassen, was er oder sie jetzt genau meint und wie. Da lassen wir uns ausreden und verstecken uns nicht hinter Floskeln, um uns herauszuhalten und dem anderen nicht begegnen zu müssen.

Im Mittelalter gab es für die Gespräche der Theologen eine Regel, die auch heute noch nützlich ist, wenn wir über wichtige Dinge reden: Niemand durfte auf einen Gesprächsbeitrag antworten, ohne dass er diesen richtig verstanden hatte; dazu musste er das Gehörte mit eigenen Worten wiedergeben, erst dann durfte die eigene Antwort kommen. Wenn etwas von dieser Gesprächsregel in unsere täglichen Unterhaltungen flösse, dann wäre manches einfacher und die Atmosphäre für Konfliktlösungen oft bereinigt.

Man weiss von Thomas von Aquin, dass er das, was seine Gesprächspartner sagen wollten, so auf den Punkt bringen konnte, dass sie sich selbst dadurch besser verstanden haben. Hinzu kommt noch Folgendes: Das eine ist es, jemanden richtig zu verstehen – das andere, sie oder ihn wohlwollend zu verstehen. Ignatius von Loyola verlangt, «dass jeder gute Christ bereitwilliger sein muss, das, was der andere gesagt hat, eher im guten Sinne zu verstehen, als es zu verurteilen». Wo uns das gelingt, da öffnet sich ein Raum des Vertrauens, und auf dem Boden kann ein gutes Gespräch wachsen.

Richtig ist auch: Wenn wir keine Stille aushalten können, dann können wir auch beim Reden nicht so gut dabei sein. Wir können gut reden, wenn wir vorher gut schweigen konnten. Ein Beispiel dafür ist die Friedensstiftung von Bruder Klaus. Er konnte die schwierige politische Situation erfassen und dann aus dem Schweigen so reden, dass sein Wort für alle Seiten stimmig war. Mit diesem Wort aus dem Schweigen bewirkte Niklaus mehr als vorher jahrelang als normaler Staatsmann. «Sei schnell bereit zum Hören, aber bedächtig bei der Antwort. Nur wenn du imstande bist, antworte deinem Mitmenschen, wenn nicht, leg die Hand auf den Mund!» (Sir 5, 11–12). Bei Jesus stimmte beides, das Hören und das Antworten. Es hat die Menschen aufgerichtet. Ich wünsche Ihnen Gespräche, die Sie und Ihr Gegenüber aufrichten.