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Mit zwölf einen Kollegen tätowiert

RHEINECK. Das Tattoo-Studio in Rheineck ist vierzig Jahre alt. «Dischy», der in Höchst aufgewachsene Dietmar Gehrer, war 1974 der erste Tätowierer der Schweiz. Nicht nur der Gewerbeverein Rheineck blieb zwanzig Jahre lang skeptisch. Gehrer über bewusstlose Kundinnen, den Tattoo-Boom und Fehler bei der Arbeit.
René Schneider
«Dischy» mit Kundin Melanie Fausch aus Cazis. Mann und Kinder warteten geduldig nebenan. (Bild: René Schneider)

«Dischy» mit Kundin Melanie Fausch aus Cazis. Mann und Kinder warteten geduldig nebenan. (Bild: René Schneider)

Dietmar Gehrer, kennen Sie noch alle Kunden und Arbeiten der letzten vierzig Jahre?

Dietmar Gehrer: Nein, unmöglich, es sind Tausende und gegen 20 000 Bilder. Vieles war früher aus Katalogen, und auch andere Tätowierer haben die Motive ähnlich gestochen.

Wer kam zur Jubiläumsparty?

Gehrer: Meinen Sie die Party, die eben nicht stattfand? Ein paar alte Kollegen haben mich überrascht und mich auf einen Höck des Tattoo-Clubs eingeladen. Dort waren dann alle alten Freunde, und sie feierten mit mir 40 Jahre Tattoo-Studio.

War es Ihnen unangenehm?

Gehrer: Naja, es war nett, lustig und sehr aufmerksam. Aber ich stehe eben nicht so gern im Mittelpunkt.

Welches ist das tiefste Erlebnis im Berufsleben?

Gehrer: Etwas vom Eindrücklichsten war die Erste, die ohnmächtig wurde. Ich war total überrascht und hatte keine Ahnung, was zu tun ist. Ich war 17 oder 18. Die ältere Frau fiel einfach bewusstlos vom Stuhl.

Was taten sie?

Gehrer: Nichts. Dann half ich ihr zurück auf den Stuhl. Inzwischen erlebte ich Ähnliches hundertfach. Ich lege die Leute flach, die Beine hoch. Die meisten sind dann nach ein paar Minuten wieder fit. Eine nahm drei Anläufe und wurde jedesmal ohnmächtig. Sie lebt mit einem angefangenen Tattoo von mir.

Jeder macht Fehler bei der Arbeit. Blieben Ihre auf ewig sichtbar?

Gehrer: Ja, klar. Ausser die Kunden liessen sie ausbessern inzwischen. Heute kann man nicht mehr nur überdecken, sondern auch mit Laser korrigieren.

Auch Sie haben ein Laser-Angebot. Radieren Sie ihre Jugendsünden?

Gehrer: Das wollen nicht mal alle. Manche freuen sich an meinen ersten Arbeiten, gerade weil sie nicht so perfekt sind wie die heutigen. Mit Laser behandeln wir total Verpfuschtes. Mit Aufhellen und Überdecken hat man heute mehr Möglichkeiten als früher.

Wie viele Ihrer vierzig Berufsjahre waren fehlerfrei?

Gehrer: Die meisten, zum Glück!

Wie war Ihr erster Arbeitstag im eigenen Geschäft?

Gehrer: Ich erinnere mich nicht. Es war Ostern. Ich hatte die Ausrüstung von einem befreundeten Tätowierer bekommen und startete an Karfreitag mit ersten Arbeiten. Mit Freunden und Kollegen. In der «Sonne». Den allerersten Kunden tätowierte ich im Alter von zwölf Jahren, einen Schulkollegen, mit Mutters Nähnadeln und Tusche. Er besuchte mich neulich hier für ein weiteres Tattoo. Die allererste Übungsfläche war mein Arm.

Welcher Art waren die ersten Kunden?

Gehrer: Die sogenannt Bösen. Die mit den Motorrädern und langen Haaren, lauter Musik, die angeblich Wilden, Halbstarken, Verlausten, mit denen niemand was zu tun haben wollte.

Frauen auch?

Gehrer: Ja, aber sie waren deutlich in der Minderzahl. Und sie liessen sich meist nur winzige Bildchen stechen. Heute ist der Frauenanteil eher mehr als die Hälfte.

Waren nur Knastbrüder und Seefahrer tätowiert?

Gehrer: Diese Vorstellung war schon damals übertrieben. Aber es waren eben die Kerle vom Bau und aus der Motorradszene, die sich tätowieren liessen.

Wie reagierten die Menschen in Rheineck und in Höchst, wo sie aufwuchsen, auf Ihr Studio?

Gehrer: Die Höchster werden froh gewesen sein, dass sie mich los waren, und die Rheinecker freuten sich überhaupt nicht an meiner Firmengründung. Sie machten mir das Leben schwer mit Verachtung, mit Schikanieren, man versuchte, das Studio zu verbieten. Die Behörden und Beamten wussten nicht, ob das erlaubt ist und als welche Art von Gewerbe es gelten soll. Und niemand konnte mit sagen, was ich tun kann, um legal zu sein. Letztlich wurde mein Studio in der Gewerbeordnung als Restaurierungs-Betrieb eingestuft.

Wurden Sie auch als Person geschnitten?

Gehrer: So hart mag ich es nicht ausdrücken. Ich war halt den meisten suspekt, und das Studio sowieso. Es gab damals in der ganzen Schweiz kein zweites. In Deutschland war der nächste Tätowierer in Frankfurt. Die Routiniers waren in Hamburg und Amsterdam.

Von Ihnen haben Sie gelernt?

Gehrer: Von Sämi in Frankfurt, ja. Er unterstützte mich und half mir beim Start. Die Tätowierer in Hamburg und Amsterdam sahen es dagegen enger und schmissen jeden raus, der sich etwas genauer umsah oder sich gar getraute, Fragen zu stellen. Ich musste mir zusammen mit Kollegen über Werkspionage und heimlich gemachte Fotos wichtige Berufs-Infos über Maschinen, Motive und vor allem Farben beschaffen.

Bekamen Sie ein Angebot, dem Gewerbeverein Rheineck beizutreten?

Gehrer: Schon mehrere. Aber erst in den letzten zwanzig Jahren. Als im Verein Mitglieder in meinem Alter das Sagen hatten. Aber ich trat nicht bei. Ich mache lediglich im Tattoo-Club mit. Dagegen hatte noch zu Beginn der 80er-Jahre ein Bademeister ernsthafte Bedenken, uns Mitglieder des Tattoo-Clubs ins Bad zu lassen. Er hatte Angst um die Wasserqualität.

Was hat sich über die vierzig Jahre verändert bezüglich Motive?

Gehrer: Am Anfang waren es die bekannten Hafen-Tätowierer-Motive wie Schiffe, Anker, Herzen, sehr einfach gezeichnete Damen. Später kamen Fantasy-und Filmmotive. Die alten Tätowierer hatten ihre traditionellen Motive, die jüngeren begannen selber zu zeichnen und ihre eigenen Bilder zu entwickeln. Später kamen asiatische Motive. Im Moment schwingt das Pendel zurück zu Motiven alter Schule, aber in besserer Ausführung.

Hat sich die Kundschaft verändert?

Gehrer: Ja, sie wurde kritischer, ist besser informiert und anspruchsvoller. Heute kommen jene, die früher mit Fingern auf uns zeigten und einen Bogen um das Studio machten. Inzwischen auch deren Kinder und zum Teil die Enkel. Von ihnen leben heute die vielen Tätowierer.

Warum lassen sich Menschen tätowieren?

Gehrer: Aus Eitelkeit. Nur aus Eitelkeit. Das ist das Einzige, das sich nicht verändert hat, seit sich die Menschen tätowieren. Eitelkeit und Rudelverhalten.

Haben sich mit dem Tattoo-Boom die Preise verändert?

Gehrer: Ja, sehr. Extrem, nach oben. Doch ist zu sagen, dass auch der ganze Aufwand viel grösser wurde mit Maschinen, Einwegnadeln, Hygiene, Farben usw.

Haben Sie je Aufträge abgelehnt?

Gehrer: Ja. Ich steche keine extremen politischen Motive, die in Richtung braune Gesinnung gehen. Auch gewisse braun-schwarze Balkan-Motive mache ich nicht. Solche Dinge ziehen auch die falsche Kundschaft an. Das will ich nicht.

Klären Sie im Vorgespräch ab, ob der Kunde oder die Kundin wirklich will, was er oder sie begehrt? Schicken Sie unreife Kunden weg?

Gehrer: In der Regel merke ich schnell, wie sicher sich jemand ist. Zudem muss man bei mir vier Monate oder länger auf einen Termin warten. Das schafft eher Klarheit. Wer dann immer noch unsicher wirkt, den schicke ich weg. Das Risiko ist in diesem Fall gross, dass der Kunde oder die Kundin hinterher unzufrieden ist. Das schafft nur Probleme. Ich muss dann später ändern, ergänzen, und zum Schluss ist es dann doch nicht ganz das Richtige.

Gibt es öfter Unzufriedene?

Gehrer: Ich glaube nicht. Und wenn, schimpfen sie gewiss in anderen Läden über mich. Jene aus anderen Studios schimpfen bei mir. Das ist aber nicht nur in unserem Beruf so.

Was verändert sich aktuell in der Szene? In der Kundschaft?

Gehrer: Viel Text, viel Schrift, zum Teil halbe Romane. Aber auch Kindernamen, die Namen von Enkeln in Zierschrift, zuweilen in grossen Lettern, aber auch Lebensmottos oder gescheite lateinische Zitate.

Sie sind nächstes Jahr 60. Wann gehen Sie in Pension?

Gehrer: Noch lange nicht, hoffe ich. Solange es meine Gesundheit zulässt, will ich hier weitermachen. Mir wäre es todlangweilig ohne das Studio, meine Arbeit und all die Menschen um mich. Ich liebe meinem Beruf nach wie vor. Es macht Spass. Tag für Tag.

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