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«Mein Gott, warum hast du mich verlassen?»

Aus christlicher Sicht
Silke Dohrmann
Die Kreuzigung Jesu, wie sie der Widnauer Künstler Josef Alge gesehen hat. (Bild: Susi Miara)

Die Kreuzigung Jesu, wie sie der Widnauer Künstler Josef Alge gesehen hat. (Bild: Susi Miara)

Karfreitag – ein dunkler Tag im Kirchenjahr. Ein hoher Feiertag für unsere Kirchen. Als Kind wollte ich nur Ostern feiern – ohne das Finstere vorher. Ohne die erschreckenden Bilder von Jesus am Kreuz. Genauso verstand ich nicht, warum es in jedem deutschen Ort Kriegsdenkmale gab mit den Namen der Kriegstoten aus dem jeweiligen Dorf. War das nicht schon zu lange her? Muss man nicht irgendwann vergessen, um fröhlich weiterzuleben?

Inzwischen weiss ich, dass das Geheimnis der Erlösung in der Erinnerung liegt. Wie sollen wir sonst aus Fehlern und Schuld lernen, wenn wir unsere Niederlagen vergessen?

Jesus ist am Kreuz hingerichtet worden, das bestätigen auch die zeitgenössischen Historiker. Es gab für ihn keinen anderen Weg der Treue zu Gott und seinen Freundinnen und Freunden. Ob Jesus den Psalmvers im Ohr hatte (Ps. 34, 19): «Der Gerechte muss viel leiden, aber Gott hilft ihm aus dem allen»?

Vom Karfreitag her habe ich solche Menschen vor Augen: Er hat den Tod seiner Frau nicht verkraftet, fühlt sich unnütz, sitzt gebeugt am Tisch und will keinen Menschen mehr sehen. Ein anderer, der sich monatelang um die Anerkennung bei der IV müht, den zu seinen unerträglichen Schmerzen noch die Sorge um sein finanzielles Überleben plagt. Die Frau, die nur noch durch die Chemo überlebt, die ihr Leben an die Krankheit angepasst hat und bei allen Plagen Freude am Leben hat. Am Karfreitag sehe ich aber auch die Journalistinnen und Journalisten, die sich weltweit dafür einsetzen, dass Korruption, Misswirtschaft und Gewalt öffentlich gemacht und vor Gericht gestellt werden. Die in manchen Ländern in Kauf nehmen, inhaftiert oder gar getötet zu werden. Klimaforscher werden bedroht – und setzen trotz der Widerstände ihre enthüllende Arbeit fort: Damit die Welt endlich aufwacht und politische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden. Damit das Seufzen der Kreatur und damit auch der Schrei von Jesus gehört wird: «Mein Gott, warum hast du mich verlassen?»

Der Vorhang des Tempels zerreisst und die Erde bebt, als Jesus stirbt. Sein Tod erschüttert; das Leid unserer Mitmenschen und der Natur soll uns nicht ruhen lassen.

Älter geworden, liebe ich den Karfreitag mit seinen Liedern, die zu Tränen rühren und uns trösten – auch an Sterbebetten. «Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen?» In einer auf Erfolg getrimmten Welt liebe ich den Karfreitag, weil Gott uns in unserer Schwäche und Angst so nahe kommt. Das göttliche Geheimnis ist wohl, dass wir zuerst in das Reich des Todes, der Angst und der Niederlagen hinabsteigen müssen, bevor wir wirklich auferstehen können. Das Kreuz Jesu steht aber nicht nur für den Tod und das Leiden, sondern für die Überwindung des Todes und der Schuld. Ostern ohne Karfreitag – das führt zu einer triumphalistischen, ignoranten Kirche – ohne die unglaubliche Kraft von Jesus, der das Leid kennt und überwindet. In seiner Kraft können wir uns als Einzelne und als Gemeinschaft getrost den wirklichen Lebens- und Überlebensfragen stellen, oder?

Silke Dohrmann

Pfarrerin in Widnau/Kriessern

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