Maske ablegen und turnen

TURNEN. Der Turnverein Balgach trägt Ende November Jugend-Schweizer-Meisterschaften im Vereinsturnen aus, seine Funktionäre investieren Hunderte von Stunden in die Organisation. Weshalb? Für die Buben und Mädchen, sagen sie. Der Besuch zweier Turnstunden erklärt vieles.

Samuel Tanner
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Urs Lüchinger: «Für unser Programm wähle ich musikalische Klassiker.» (Bilder: Samuel Tanner)

Urs Lüchinger: «Für unser Programm wähle ich musikalische Klassiker.» (Bilder: Samuel Tanner)

Die Mädchen machen sich bereit für den letzten Tanz. Noch einmal konzentrieren, noch einmal anspannen, noch einmal synchron bleiben; wie sie es eineinhalb Stunden lang so oft getan haben, als seien sie auf einem Hollywood-Filmset. Jetzt aber tragen die Mädchen zum ersten Mal jene kleinen, schwarzen Masken, die sie auch im Wettkampf tragen werden, wenn sie zur Musik von Michael Jackson tanzen.

Nach einigen Takten legen die Mädchen, dreizehn bis sechzehn Jahre alt, die Masken ab und tanzen weiter. Es ist natürlich nicht so gedacht, aber diese Szene hat eine schöne Symbolik.

Der Turnverein Balgach organisiert am 30. November und 1. Dezember die Jugend-Schweizer-Meisterschaften im Vereinsturnen (SMVJ). 200 Helfer, 2000 Zuschauer, 2321 Teilnehmende. Der Verein trägt den Grossanlass aus, weil er seine Gymnastik- und auch seine Geräteturnriege in den letzten Jahren stark gefördert hat und die Buben und Mädchen immer wieder Erfolge gefeiert haben. Nur eben immer auswärts.

Das wird sich nun ändern. Statt nur mehr einiger Eltern werden plötzlich auch Grosseltern und Tanten zuschauen, wird die Regionalzeitung vor Ort berichten. Da werden die Buben und Mädchen allen zeigen wollen, was sie können. Die Masken ablegen.

Hundert Mal üben

Am Hallenrand steht Karin Spirig, 22, Cheftrainerin der Gymnastikriege, die Hände in die Hüfte gestützt. Sie sagt: «Im Moment arbeiten wir an der Synchronität. Wie das geht? Die Aufstellungen, die Partnerelemente hundert Mal üben. Da kommt es dann auch auf die Motivation der Trainerin an.» Sie grinst.

Die Halle ist voll. Der STV Balgach setzt wie kein anderer Verein im Rheintal schon in den Jugendkategorien aufs Vereinsturnen. Teams statt Einzelkämpfer. Er sagt sich: So feiern auch Schwächere Erfolge, so entsteht Teamgeist, so bleiben die Buben und Mädchen im Verein, bis sie zu den Aktiven übertreten, wo man schon lange erkannt hat, dass die Zukunft im Vereinsturnen liegt.

Vier Auszeichnungen und einen Podestplatz holten die jungen Gymnastikerinnen des Turnvereins Balgach, seit sie 2008 zum ersten Mal an den Schweizer Meisterschaften im Vereinsturnen teilnahmen. «Der Heimanlass kommt zum richtigen Zeitpunkt», sagt Karin Spirig, «gerade die älteren Mädchen bilden ein starkes Team.»

Spirig: «Es macht huere stolz»

Sie sagt: «Deshalb engagiere ich mich. Ich möchte meinen Mädchen perfekte Bedingungen ermöglichen.» Spirig leitet nicht nur die Gymnastikriegen, sondern im OK des Anlasses auch das Ressort Wettkampf. Einerseits sagt sie: «Es macht huere stolz, wenn du deine Mädchen strahlend auf dem Podest stehen siehst.» Andererseits baute ihre Tante die Gymnastik auf, war ihre Mutter schon immer engagiert. Familiendruck, sagt Karin Spirig und grinst, als das Training an diesem Freitagabend vorbei ist.

Einen Tag später sperrt Urs Lüchinger die Türen zur Turnhalle auf, da ist es 8.23 Uhr. Lüchinger, 44, ist Gemeinderat, Vize-Präsident des Organisationskomitees, Onkel von Karin Spirig – aber im Moment ist er vor allem Leiter der Geräteturnriege des STV Balgach.

Drei Mal auf dem Podest

Er zieht einen Mattenwagen hinter sich her, zwölf mal zwölf Meter misst das Feld fürs Bodenturnen, vor jedem Training verteilt Lüchinger 88 Matten. Seine Gruppe, 29 Buben und Mädchen, stand an den letzten drei SMVJ immer auf dem Podest, sie wird es wieder versuchen, speziell in dem Jahr – obwohl sie zum ersten Mal in einer höheren Kategorie startet.

Zu Musik aus dem Film «Top Gun» turnen sie; drei, vier Stücke ineinander geschnitten. «Ich wähle meist Klassiker aus. Du musst die Stücke auch nach zweihundert Wiederholungen noch einigermassen mögen», sagt Urs Lüchinger. Er wiederum mag genau das an den Gruppenvorführungen: Es gibt kaum Vorgaben, jeder kann Musik und Show selbst bestimmen, nur sechs verschiedene turnerische Elemente müssen auf jeden Fall vorkommen. An diesem Morgen trainieren die Kinder Flik-Flaks, Lüchinger zeigt ihnen mit einem Zeitlupen-Programm auf dem iPad, wo sie sich noch verbessern können.

Noch bleibt genug Zeit. Erst Ende November, wenn in den Heerbrugger Turnhallen Blattacker und Kanti die Wettkämpfe starten, gilt es ernst. Erst dann legen die Lokalmatadoren ihre Masken endgültig ab.

Der Autor ist Presseverantwortlicher der SMVJ 2013 vom 30. November und 1. Dezember.

Karin Spirig: «Der Heimanlass kommt zum richtigen Zeitpunkt.»

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