Marbacher Reeperbahn

Das Jahr 2011: Ein bisschen Kommunalwerbung muss sein: In Marbach ist die Welt noch in Ordnung – jeder kennt jeden, es ist heimelig und gemütlich. Auf dem Dorfplatz, wo sich die Wege zwischen Tante-Emma-Laden und Bäckereien kreuzen, wird Dorfklatsch ausgetauscht.

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Samuel Tanner

Samuel Tanner

Das Jahr 2011: Ein bisschen Kommunalwerbung muss sein: In Marbach ist die Welt noch in Ordnung – jeder kennt jeden, es ist heimelig und gemütlich. Auf dem Dorfplatz, wo sich die Wege zwischen Tante-Emma-Laden und Bäckereien kreuzen, wird Dorfklatsch ausgetauscht. Erledigen die Kinder des Dorfes in den beiden Metzgereien den Einkauf für ihre Eltern, kriegen sie ein «Rädli» Fleischkäse.

Das Jahr 2020: Sex zum Spottpreis! Erotik pur im Studio Moonlight! Die Plakatsprache rund um den Dorfplatz ist laut. Die ehemaligen Besitzer der Bäckereien, Metzgereien und Co. sind allesamt in Pension, Nachfolger gab es keine. Marbach ist seit der Eröffnung eines Bordells im Jahr 2011 zur Reeperbahn der Schweiz verkommen. Die Leuchtschrift der Raiffeisenbank schimmert rot wie das Milieu. Reisebusse mit tschechischen Kennzeichen parkieren reihenweise auf dem Parkplatz der Mehrzweckhalle, die nur noch sporadisch vom Turnverein genutzt wird. «Ist die Welt noch in Ordnung?», wird der Gemeindepräsident im Interview mit dem «Blick» gefragt. Er sagt: «Ja. Marbach lebt von Traditionen und Urtümlichem. Wir sind stolz, nach der Pensionierung fast des ganzen Kleingewerbes das älteste Gewerbe überhaupt im Dorf zu haben.»

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