Marbach und heerbrugg

Auf dem Weg in ein Leben ohne Kinder – zwei Frauen erzählen, wie sie trotz unerfülltem Kinderwunsch glücklich wurden

Kinderlos glücklich sein – geht das? Zwei Rheintalerinnen erzählen von ihren Erfahrungen und von den Höhen und Tiefen.

Benjamin Schmid
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Trotz starkem Kinderwunsch können oder wollen einige Paare keine Kinder bekommen.

Trotz starkem Kinderwunsch können oder wollen einige Paare keine Kinder bekommen.

Bild: Depositphotos/mysha.kisia

«Ich wollte schon immer eine Familie gründen», sagt Sarah Klein aus Marbach. Bereits beim ersten Date im 2013 habe sie ihren Mann darauf angesprochen. Doch nach über 36 Zyklen, wo sich Hoffnung und Enttäuschung abwechselten, teilte ihr diesen Sommer ihre Frauenärztin mit, dass eine natürliche Schwangerschaft einem Wunder gleichen würde.

«Ich habe seit Jahren gesagt, dass meine Tochter einmal Ella heissen wird», sagt Annina Ott aus Heerbrugg. Doch nachdem sie die Pille abgesetzt hatte, stellte sich Ende 2018 heraus, dass sie in den vorzeitigen Wechseljahren ist und keine Kinder kriegen kann.

Sich vom Kinderwunsch verabschieden

Als Sarah Kleins Frauenärztin ihr nach schwierigen Jahren mit erfolglosem Üben, zweier Inseminationen (Spermienübertragungen) und viel persönlicher Energie unmissverständlich klar machte, dass eine natürliche Schwangerschaft nicht funk­tionieren würde, habe es bei ihr plötzlich klick gemacht. «Wir mussten entscheiden, mit künstlicher Befruchtung oder Adoption weiterzumachen oder kinderlos zu bleiben», sagt die 35-jährige Marbacherin. Der Entscheid fiel schnell. Jetzt fange der Prozess erst an, sich vom Kinderwunsch zu verabschieden. Dafür hat sich die Leiterin eines Innovationsteams im Lebensmittelbereich Unterstützung einer Therapeutin geholt. «Ich würde mich als glücklich bezeichnen, auch wenn nicht immer zu 100 Prozent», sagt Sarah Klein, dafür brauche es noch eine Weile.

«Anfangs fiel es mir schwer, die Realität laut auszusprechen», sagt Annina Ott, «ich bin nicht immer glücklich, aber immer zufrieden.» Zuerst wollte die 36-jährige Versicherungsfachfrau das Ergebnis des Arztes nicht wahrhaben und holte diverse Zweitmeinungen ein. Innerlich habe sie in dieser Zeit begonnen, sich mit der Situation auseinanderzusetzen und sie zu akzeptieren: «Alles geschieht aus einem Grund», sagt Annina Ott – auch wenn sie den Grund bisher noch nicht kenne.

Nichts mehr müssen, sondern nur noch dürfen

Fragen wie: «Was ist der Sinn des Lebens?», «Was mache ich jetzt mit meinem Leben?», beschäftigen die beiden Frauen noch heute. «Ich habe mich lange nicht als vollwertig empfunden ohne Kinder», sagt Sarah Klein. Gemeinsam mit ihrem Mann seien sie daran, ihr neues Lebenskonzept zu schreiben: Nichts mehr müssen, sondern nur noch dürfen. Ohne irgendwelche Verpflichtungen. Das sei auch sehr schön. «Wir haben das Leben mehr schätzen gelernt», sagt die Marbacherin, «da ist keine Uhr mehr, die tickt und sagt: ‹Jetzt musst du›». Der persönliche Druck, qualvolle Gedanken, Versagensängste und das Gefühl, unvollständig zu sein, wichen ebenso wie der Kinderwunsch und eröffneten neue Perspektiven.

«Weshalb ich?», «Was habe ich falsch gemacht?», sind Fragen, die immer seltener im Kopf von Annina Ott herumschwirren. «Im Hier und Jetzt bin ich glücklich mit meinem Leben. Aber sobald ich an die Zukunft denke, wird mir mulmig», sagt die 36-jährige Heerbruggerin. Trotz allem könne ein Leben ohne Kinder auch Vorteile haben. Sie könne tun und lassen, was sie möchte, ausserdem warten bereits Pläne auf die Umsetzung: Die Weiterbildung zur Versicherungsfachfrau abzuschliessen, ein Instrument zu lernen, sich eine weitere Fremdsprache anzueignen, ein Haus mit grossem Garten zu kaufen und auf Reisen zu gehen.

«Was mir aber auch viel bringt, ist Menschen zu helfen», fügt Annina Ott hinzu. Eine Zeit lang habe sie eine ältere Dame im Altersheim besucht, in Zukunft möchte sie Kinder im Spital aufsuchen.

Was darf man fragen und was lieber nicht?

«Für viele Menschen ist es schwierig zu wissen, wie damit umzugehen ist», sagt Sarah Klein. Soll man Mitleid haben? Was dürfe man fragen und was lieber nicht?

«Sowohl gewollte als auch ungewollte Kinderlosigkeit sind leider immer noch ein Tabu in unserer Gesellschaft», sagt Annina Ott. Man begegne oft Frauen, die gerade geboren haben und glücklich sind – es ist ja auch das Natürlichste auf der Welt. Dass es immer öfter Frauen gibt, die keine Kinder bekommen können, darüber denken die wenigsten nach. Die Menschen reagierten meist gleich. Konfrontiert mit dieser Realität, reagierten viele Menschen erschreckt und entschuldigten sich mehrmals, dass sie überhaupt gefragt haben. Es sei hilfreich, offener über dieses Thema zu sprechen, auch wenn es nicht leicht fällt, sagen beide ungewollt kinderlosen Frauen.

Viele in ihrem Umfeld würden die ungewollte Kinderlosigkeit jetzt über den Zeitungsbericht erfahren. «Ich bin gespannt auf die Reaktionen und wünsche mir einen offenen Austausch», sagt Sarah Klein.