MARBACH: Keller ermöglichte Buch über «Psychi»

Der Kunstmaler und Fotograf Willi Keller ist 2014 auf alte Bilder gestossen, die er in seiner Zeit als Psychiatriepfleger aufgenommen hatte. Drei Jahre später liegt ein von Keller angeregtes Buch vor, das seltene Einblicke ins einstige Klinikleben gewährt.

Gert Bruderer
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Willi Keller bezieht Stellung, ohne hierzu auf Kommentare angewiesen zu sein. (Bild: Gert Bruderer)

Willi Keller bezieht Stellung, ohne hierzu auf Kommentare angewiesen zu sein. (Bild: Gert Bruderer)

Gert Bruderer

Beim namhaften Zürcher Chronos Verlag ist das Werk erschienen. Es heisst «Eingeschlossen», enthält 76 Schwarz-weiss-Fotos von Willi Keller und 43 kurze, von ihm selbst verfasste Texte zu diesen Bildern. Keller hat sie in Erinnerung an seine Zeit in der psychiatrischen Klinik Burghölzli geschrieben.

Die Bilder entstanden wenige Monate vor einem schrecklichen Brand am 6. März 1971, bei dem 28 Männer der geriatrischen Abteilung den Tod fanden. Willi Keller hatte ebendiese Abteilung mit ihren Patienten fotografisch in vielen Bildern festgehalten.

Der Maler schreibt auch sehr gern

Der Buchverlag bezeichnet Willi Kellers Fotos als Glücksfall, zumal es kaum fotografische Dokumentationen des Alltags in psychiatrischen Anstalten gebe. Die Bilder stammen aus einer Zeit, da sich die Psychiatrie starker Kritik ausgesetzt sah und im Begriff war, sich grundlegend zu wandeln. Auch auf diesen Wandel sowie die Brandkatastrophe wird im Buch eingegangen.

In den letzten Jahren hat Willi Keller sich mit verdichteter Poesie hervorgetan. Seine im Buch enthaltenen Texte sind kurz und zugespitzt. Keller schreibt als Beobachter, als Zeuge, und bezieht mit prägnanten Sätzen geschickt Position, ohne als Kommentator aufzutreten. Das geht beispielsweise so: «Freundlich hört sich die Regierung die Probleme des Pflegepersonals an, bedankt sich und geht weiter.» Willi Keller sagt, im Kopf des Lesers dürfe es ein bisschen «wiiterrädere».

Vielseitiger Blick auf ­frühere Psychiatrie

Als Psychiatriepfleger arbeitete Willi Keller von 1963 bis 1972, also bis es in der Klinik brannte. Danach wurde er künstlerisch tätig. Er zeichnete, malte in Öl, war Illustrator für das «Magazin» des Zürcher Tagesanzeigers sowie das Männermagazin «Penthouse», das von Keller illus­trierte Geschichten bekannter Autoren veröffentlichte. Mangels bezahlbaren Raums für Atelier und Wohnung zog Willi Keller 1982 von Zürich nach Marbach, wo er seither lebt und arbeitet.

Kellers Blick auf die Psychiatrie der Vergangenheit ist vielseitig. Nicht alles sei schlimm gewesen, «es folgte nicht ein Horror dem nächsten», obschon es «auch ihn gab». Keller betreute als Pfleger zuletzt neun Schwerstkranke, die bei ihm eine Intensivtherapie erlebten. Kreative Arbeit und der tägliche Ausflug standen im Vordergrund. Morgens wurde gearbeitet, nachmittags hatte man immer Kontakt mit der Aussenwelt – im Kino, im Kunsthaus, in Läden, in der Natur.

«Da hät extrem viel broocht», erinnert sich der Künstler. Jemand, der zunächst nur dagesessen habe, sei regelrecht aufgeblüht und habe plötzlich Ideen gehabt. Noch heute sei er überzeugt, die kreative Arbeit sei das Wichtigste, sagt Willi Keller, der, nebenbei bemerkt, in Marbach ein ganzes Haus ohne Hilfe ganz ausgehöhlt und neu aufgebaut hat.

Kein Interesse an einer Veränderung

Zwei schöne Texte zum selben Thema sind «Der Dreher» und «Gipsbinden». Sie erzählen von ehemaligen Patienten, die Patienten geblieben sind. Aus dem einfachen Grund, dass sie sich durch ihre Arbeit unentbehrlich gemacht hatten und sie sich in der Klinik geborgen fühlten. Beide Texte enden mit dem gleichen Satz: «Weder er noch die Klinik wollen an seinem Patientenstatus etwas ändern.» Wie gesagt, Willi Keller bezieht Position, ohne dafür Kommentare nötig zu haben.