Manchmal muss man spinnen

Reto Oehler ist den Binnenkanal entlanggefahren, um neue Ideen im Kampf gegen das Hochwasser zu finden. Er hat Fotos gemacht und Erkenntnisse gewonnen. Als er sie an einem Infoabend vorstellt, entsteht ein Missverständnis.

Samuel Tanner
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Reto Oehler nach seiner Präsentation am Mittwochabend. (Bild: Samuel Tanner)

Reto Oehler nach seiner Präsentation am Mittwochabend. (Bild: Samuel Tanner)

BALGACH. Reto Oehler hatte zehn Minuten bekommen für ein Thema, das Zeitungsseiten und Diskussionen füllt, zehn Minuten Redezeit für das Thema Hochwasserschutz am Binnenkanal. Im Vorfeld hatte sich Oehler, Feldmeister der Ortsgemeinde Balgach, gefragt, wie er alles reinbringen kann in diese paar Minuten – dann begann er so: «Jetzt wird es spannend.»

Oehler zeigte am Infoabend der Gemeinde unter Traktandum 6 Folien mit Titeln, die etwa «Bedenken aus Sicht der Ortsgemeinde Balgach» hiessen. Im Kern geht es um dieses Projekt: Die offiziellen Planer sehen bei den Drei Brücken ein Drosselbauwerk vor – eine Klappe, die den Wasserfluss durch Widnau regeln soll. Schliesst man diese Klappe, profitiert Widnau und werden Felder im Balgacher Riet geflutet; Bauernhöfe sind in Gefahr.

In seiner Präsentation zeigte Reto Oehler, gelernter Mechaniker, neue Lösungen. Die entsprechende Folie war mit «zu prüfen» angeschrieben: Er wolle am Kanal in Widnau Einbahnverkehr einführen und den Rest der Strasse dem Fluss zurückgeben. Er wolle verschiedene Ausflüsse ermöglichen, in Montlingen etwa oder in Sennwald. «Es kann ja nicht sein, dass die Felder in Balgach zwei Meter hoch geflutet werden. Dass wir den Bauern sagen müssen: Ab morn bescht ima Becki dahom.»

Ein Bürger merkte dann an, wenn man so gute Lösungen wie die von Reto auf dem Tisch habe; weshalb da niemand zuhöre – ob die Leute mit den grossen Zahltagen das nicht nötig hätten. Doch ein anderer Bürger sagte: «Jetzt werde ich halt böse: Überlassen wir solche Planungen den Fachleuten! Wir müssen uns auf sie stützen, ihnen haben wir vieles zu verdanken. Diskutieren wir wieder sachlich.»

Nach diesem Beitrag war die Information beendet.

Falsch verstanden

Einen Tag später öffnet Oehler, ein freundlicher und gelassener Mensch, die Tür zu seinem Haus. Zur Kritik am Abend davor sagt er, er sei vielleicht falsch verstanden worden.

Angefangen hatte sein ganzes Engagement um den Binnenkanal mit einer schlaflosen Nacht. Die Vertreter der Ortsgemeinden waren vor Monaten vom Zweckverband Binnenkanal eingeladen worden, als das Hochwasserschutz-Projekt bei den Drei Brücken spruchreif war. Am Ende des Abends gingen Reto Oehler und seine Kollegen davon aus, dass im Riet zwei Meter hohe Dämme entstehen, («so gross bin nicht einmal ich»), dass diverse Höfe regelmässig überflutet werden, dass das Rückhaltebecken eine Million Kubik Wasser fassen solle. Die Balgacher Bauern intervenierten bei Oehler, dem Feldmeister, ihrem Interessenvertreter. Er machte kein Auge zu und dachte sich: Entweder, du kannst jetzt jammern oder dich einbringen.

Und so fuhr er den Binnenkanal entlang, von Sennwald bis Au, und suchte nach neuen, nach anderen Ideen. Reto Oehler wollte es so machen, wie er es aus seiner Firma kennt: Möglichst lange alle Ideen und neuen, verrückten Gedanken zulassen. Manchmal musst du spinnen, sagt er. Am Ende seiner Fahrt bleiben ihm fünfzig Fotos und ein paar Ideen. Er brennt sie auf eine CD und fährt zu Roland Wälter, Präsident des Binnenkanals. Als er ihn trifft, ist es 6.45 Uhr – Oehler wäre auch um 6 Uhr hingefahren, er schätzt die Offenheit von Wälter. Die CD mit seinen Ideen habe es bis zum Kanton geschafft, sagt Reto Oehler.

Jetzt, am Küchentisch an der Neugrüttstrasse, kündigt er nicht an, dass es spannend werde. Das wird es dann aber doch noch. Oehler ist am Abend davor tatsächlich missverstanden worden. Seine Ideen sind nicht als Ersatz für das Millionenprojekt bei den Drei Brücken gedacht, sie sollen Anstoss und Ergänzung sein. Was der Feldmeister will: Dass man in Au und in Widnau das Gerinne möglichst so ausbaut, dass das Rückhaltebecken nicht dauernd, sondern nur in Notfällen gebraucht wird. Oehler sagt: «Wenn man in Widnau und in Au das Maximum macht, dem Fluss da mehr Platz gibt, dann werden die Bauern oberhalb der Drei Brücken auch eher bereit sein, Zugeständnisse zu machen.»

Reto Oehler freut sich: Roland Wälter und seine Kollegen im Projektteam hätten seine Ideen aufgenommen, die Dimension des Rückhaltebeckens sei kleiner geworden. «Ich will, dass sie in hundert Jahren sagen: <Doch, die haben damals was Cleveres hingestellt.>» Er sagt, seine Ideen seien halt nicht hochstudiert, sie seien einfach normal.