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LÜCHINGEN: «Ich kenne es, mausarm zu sein»

Dora Warth hat sich fünfzig Jahre lang in der Brocki engagiert. Sie hat nicht nur Gegenstände angenommen oder verkauft, sie hat den Kunden immer auch gerne ihre Zeit geschenkt.
Monika von der Linden
Dora Warth: 50 Jahre lang war sie die Brocki-Frau. Den Kontakt zu Menschen sucht sie aber nach wie vor. (Bild: Monika von der Linden)

Dora Warth: 50 Jahre lang war sie die Brocki-Frau. Den Kontakt zu Menschen sucht sie aber nach wie vor. (Bild: Monika von der Linden)

Monika von der Linden

Mehr als sechzig Jahre lang hat Dora Warth mit ihrem Mann in dem Haus an der Heidenerstrasse gewohnt. Hier hat das Paar ­seine beiden Kinder aufgezogen. Seit ihr Gatte vor zwei Jahren verstorben ist, lebt sie alleine hier.

Dora Warth bittet in ihre Stube. Sie ist gemütlich eingerichtet. Die Möbel sind im Stil der Fünfzigerjahre. Auf dem Esstisch steht eine Blumenvase mit frischen Tulpen. An sie gelehnt hat sie einige neue Fotos – von ihren Grosskindern und Urgrosskindern.

Sie sei gerne mit den kleinen Kindern zusammen, sagt sie und lächelt. Sie liebt es, unter Menschen zu sein: «Wenn du jemandem etwas schenken willst, schenke ihm Zeit.»

Den als Aufforderung formulierten Satz hat sie stets zum ei­genen Motto gemacht und allein fünfzig Jahre lang in der Brocki Altstätten gearbeitet. Erst kürzlich hat sie aufgehört. «Es ist eine Lebensaufgabe gewesen. Ich hab es gern gemacht.»

In der Brocki waren Frauen selbstständig

Der evangelische Frauenverein hatte in den Sechzigerjahren ein Auge dafür, dass es viele arme Schweizer gab. Die Brocki zu führen, war damals eine Frauenaufgabe, denn dort waren sie selbstständig.

Weil Dora Warth sehr gut wusste, was es heisst, mausarm zu sein, und ihr Mann sie in ihrem Vorhaben unterstützte, liess sich die damals junge Frau für die ­Brocki anwerben.

Mausarm war Dora Warth als junges Mädchen. Sie und ihre Familie waren Auslandschweizer in Schlesien und lebten auf einem grossen Gutshof. Der Vater musste nicht für Deutschland in den Krieg ziehen. Manchmal schlachtete er ein Schwein, um jenen Menschen etwas zu essen zu geben, die aus der Stadt zu ihnen kamen und um Hilfe baten. «Wir lebten im Wohlstand», sagt sie. «Ich fand es schön, dass wir abgeben konnten.»

Zwei Jahre lang auf der Flucht vor dem Krieg

Im Oktober 1944 änderte es sich. «Wir mussten weg, weil hinter uns die Front war.» Zwei Jahre lang war die Familie fortan ohne Zuhause, bis sie 1947 nach Altstätten kam. «Ich war ein Flüchtling, wie wir sie heute auf der Strasse sehen», sagt sie nachdenklich. Dann erzählt sie, wie sie den Phosphorbomben in Dresden entging oder amerikanische Soldaten sie mit einem russischen Lastwagen aus der zerstörten Stadt in Sicherheit brachten. «Fünfzig Flüchtlinge waren in dem Lastwagen. Mit 100 km/h fuhr der Soldat durch das Brandenburger Tor. Dann waren wir bei den Amerikanern und bekamen ein Stück Brot und Schoggi.»

Am Ende der Flucht kam die Zwölfjährige nach Altstätten. Sie hatte kein Ziel, keine Hoffnung. «Alle waren gegen die Deutschen. Ich kann doch nichts dafür, dass ich in Deutschland aufgewachsen bin», erzählt sie von der ersten, schweren Zeit in der Heimat ihres Grossvaters. «Jeder, der Hochdeutsch sprach, war ein Sauschwabe.» Es jammerte aber niemand. «Es war wunderschön, ohne Alarm und Fliegerangriffe.»

Als Dora Warth und ihre Mutter nach einigen Monaten Arbeit in einer Weberei fanden, hatte sie langsam das Gefühl, angenommen zu sein. Lieber wäre sie weiter zur Schule gegangen, musste aber Geld verdienen. «Jedes Teil, das wir kaufen konnten, löste echte Freude aus.» Heute könne man sich fast alles kaufen – und Zeit schenken.

Diente die Brocki früher primär dazu, dass arme Menschen günstig einkaufen konnten, steht heute oft der Aspekt im Vordergrund, Müll zu vermeiden.

Dora Warth freut es auch aus einem anderen Grund, dass die Brocki auch nach fünf Jahrzehnten noch existiert: Viele Menschen verbinden den Besuch gerne mit einem Schwatz. Die Brocki-Frau hat oft jenen zugehört, die Erinnerungstücke an einen lieben Verstorbenen vorbeibrachten und die mit ihnen verbundenen Geschichten erzählten. «Ich war immer froh, dass ich nicht nur auf den Umsatz schauen und niemandem etwas aufschwatzen musste.»

Als sie von ihrem Gatten Abschied nehmen musste, brachte sie auch viele Dinge in eine Brockenstube, aber nicht in die Brocki Altstätten. «Ich wollte sie nicht selbst verkaufen.»

«Ich habe noch so viele Ideen, wie ich Menschen helfen könnte», sagt Dora Warth. Sie macht eine kleine Pause. «Dafür wäre ich gerne noch einmal jung.» Dennoch schliesst sie die aktive Zeit in der Brocki gerne ab. «Niemand ist unersetzbar.» Sie weiss die Brocki in guten Händen und jetzt kauft sie dort ab und an einmal einen Pullover.

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