Lernende werden zu Experten

DIEPOLDSAU. Yvonne Weder und Meggy Bieri begannen vor 16 Jahren ein einheitliches Lehrmittel für medizinisches Praxispersonal zu erarbeiten. Nun haben Mediamatik-Lernende bei der Überarbeitung des Informatik-Teils mitgewirkt.

Valentina Thurnherr
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Sie haben am Informatik-Lehrmittel mitgearbeitet, das Yvonne Weder (ganz rechts): in den Händen hält: (von links) Fabia Schönenberger, Justin Labhart, Vanessa Frommenwiler, Philipp Uhler. (Bild: Valentina Thurnherr)

Sie haben am Informatik-Lehrmittel mitgearbeitet, das Yvonne Weder (ganz rechts): in den Händen hält: (von links) Fabia Schönenberger, Justin Labhart, Vanessa Frommenwiler, Philipp Uhler. (Bild: Valentina Thurnherr)

Seit 1996 ist medizinische Praxisassistentin ein Beruf mit eidg. Fähigkeitszeugnis. Einheitliche Lehrmittel gab es anfangs aber keine. Als die Berufsschullehrerinnen Yvonne Weder und Meggy Bieri mit der Erarbeitung eines Lehrmittels begonnen hatten, wurden bald andere Lehrpersonen auf das Projekt aufmerksam.

Das anfangs in einem Copy-Shop zu Büchern gebundene Lehrmittel war so begehrt, dass die Initiantinnen den Bieri & Weder Verlag gründeten. Dieser liess das Lehrmittel auf Offsetmaschinen drucken und als Ordner vertreiben. So konnten die Schüler zusätzliche Blätter und Notizzettel einlegen.

Lernende für Lernende

Dieses Jahr waren die beiden Frauen gefordert, weil Cornel Stillhard, der Autor des Informatik-Teils, überraschend verstarb. Auf der Suche nach einem Nachfolger gelangten die Verlegerinnen an Philipp Uhler, Betreuer im Basislehrjahr ICT am Zentrum für berufliche Weiterbildung in St. Gallen. Schon beim ersten Telefonat habe sich Uhler vom Projekt begeistert gezeigt, sagt Yvonne Weder.

Uhler hatte die Idee, die von ihm betreuten Mediamatik-Lernenden könnten das Lehrmittel überarbeiten. Also machten sich Vanessa Frommenwiler, Justin Labhart und Fabia Schönenberger, die am ZbW das Basislehrjahr absolvieren, ans Werk. Es gefiel ihnen, an etwas zu arbeiten, das später anderen Lernenden in der Ausbildung dient und auch sie selbst profitieren liess. Vanessa Frommenwiler sagt: «Es war anspruchsvoll, den Stoff so zu vereinfachen, dass auch jemand ihn versteht, der noch nie einen Computer benutzt hat.»

Virtuellen Computer benützt

Für das Lehrmittel waren Screenshots auf Basis des neusten Betriebssystems Windows 10 zu machen. Weil die Lernenden selbst aber noch auf Windows 7 arbeiten, haben sie einen virtuellen Computer benützt. Das heisst, innerhalb ihres Computers war ein weiterer, virtueller Rechner zu installieren.

Philipp Uhler sagt, im Rechner, den man physisch vor sich habe und anfassen könne, werde ein weiterer, eigenständiger Computer installiert, der aber nur in der virtuellen Welt existiere. Dies bietet zum Beispiel die Möglichkeit, ein neues Betriebssystem erst auf diesem virtuellen Computer zu testen, ehe man es auf dem Original, also dem wirklich vorhandenen Computer, installiert. Bei der Arbeit waren sich die Lernenden stets bewusst, dass das von ihnen Erarbeitete später gebraucht würde. Es war nicht einfach eine Übung, bei der allfällige Fehler niemanden betroffen hätten als die Lernenden selbst. Justin Labhart sagt: «Es war wirklich wichtig, dass wir unsere Arbeit richtig und gut machen.»

Interesse wächst

Die Lehrmittel-Ordner von Bieri & Weder sind noch immer die einzigen ihrer Art. Bereits 2009 erkundigte sich das Bundesamt für Integration, ob es das Lehrmittel auch in der Westschweiz herausgeben könne. Die Kosten für die Übersetzung trägt das Bundesamt. Alle zwei, drei Jahre wird das Lehrmittel überarbeitet, damit es aktuell bleibt und stets der Bildungsverordnung für Berufe des medizinischen Praxispersonals entspricht. Dank eines Codes, den jeder Ordner enthält, können sich die Lernenden auf der Webseite des Verlags einloggen und hilfreiches Zusatzmaterial herunterladen.

«Bisher war dieses Projekt eine reine Herzensangelegenheit», sagt Yvonne Weder. Der Gewinn sei bescheiden. Inzwischen gebe es allerdings auch Interessenten aus Deutschland und Österreich.