«Lernen, auch Distanz zu wahren»

Der Kommandant der Regionalen Zivilschutzorganisation Mittelrheintal, Robert Brocker, war in den letzten Wochen an der Leitung der Notunterkunft Gams beteiligt und erlebte einen aussergewöhnlichen Einsatz.

Remo Zollinger
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Der Zivilschutz geriet in den letzten Tagen in die Schlagzeilen. Wie war das für Sie?

Robert Brocker: Zu meinen Aufgaben als Kommandant gehört nicht nur das Führen, sondern auch das Informieren. Es ist grundsätzlich nichts Neues, obschon wir diesmal ein sensibleres Thema hatten. Wir besuchen Kurse, in denen wir lernen, wie man sich in der Öffentlichkeit präsentiert – es ist Teil unserer Arbeit.

Welche Reaktionen erreichten Sie aus der Bevölkerung?

Brocker: Natürlich werde ich sowohl am Arbeitsplatz als auch privat darauf angesprochen. Die Menschen sind sehr neugierig. Ich erhielt fast nur positive Rückmeldungen: Viele Leute wollten spenden, helfen, mit den Flüchtlingen in Kontakt treten. Ich vermute, dass die negativen Meinungen anderswo, beispielsweise bei den Gemeinden, platziert werden.

Kam die neue Aufgabe überraschend oder hatten Sie sie vorhergesehen?

Brocker: An einem Freitag, Mitte September, erhielt ich einen Anruf aus St. Gallen. Ich wurde gefragt, wie gross die Kapazität unserer Zivilschutzanlagen sei. Ich war gerade in einem Betreuer-WK und habe das Thema zur Sprache gebracht. Es war ein Weckruf. Wir erkannten, dass bald ein Ernstfall eintreten könnte. Als wir erfuhren, dass im Oberland erste Organisationen im Einsatz waren, war das eine Bestätigung. Wir waren fortan stets in Bereitschaft.

Sie mussten den bestmöglichen Standort für eine Notunterkunft im Mittelrheintal finden, die Wahl fiel auf Diepoldsau.

Brocker: Ja, der kantonale Führungsstab hatte uns diese Aufgabe erteilt. Diepoldsau erwies sich nach unserer Analyse als der für die Betreuung von Flüchtlingen beste Ort. Das liegt an der Lage, am Zustand der Anlage, an ihrer Kapazität und daran, dass es Duschen hat.

Bisher ist die Anlage in Diepoldsau nicht eröffnet worden. Braucht es sie nun doch nicht?

Brocker: Momentan betreut der Zivilschutz in St. Margrethen rund 40 Asylsuchende, in Sevelen etwa 60. Das Ziel ist die möglichst baldige Schliessung der Anlagen. Weil das Altstätter Empfangs- und Verfahrenszentrum die hier ankommenden Asylsuchenden weiterleiten kann, wird davon ausgegangen, dass die Zivilschutzanlagen in St. Margrethen und Sevelen schon in den nächsten Tagen nicht mehr gebraucht werden. Eine Garantie gibt es aber nicht.

Wäre damit der Einsatz des Zivilschutzes beendet?

Brocker: Das kann ich nicht beantworten, die Lage bleibt unberechenbar. Ein Regierungsbeschluss schreibt aber vor, dass der der Einsatz nicht mehr als 10 000 Diensttage in Anspruch nehmen darf und per 31. März 2016 beendet sein muss. Es ist gut, dass wir kurzfristig zur Bewältigung einer Extremsituation beitragen, aber es darf nicht zu einem Dauerauftrag werden.

Für die meisten Betreuer ist dies der erste Ernstfalleinsatz. Sind sie der Situation gewachsen?

Brocker: Die Betreuer sind für ihre Aufgaben gut ausgebildet, nur die Betreuung von Flüchtlingen war neu. Sie engagieren sich voll und ganz, niemand beklagte sich. Wichtig ist für sie, dass ihr Einsatz ohne Zwischenfälle abläuft. Es gab in der Zivilschutzanlage weder Streit noch andere Probleme, die Sicherheit war jederzeit gewährleistet. Das macht den Einsatz schon einfacher.

Die Situation konnte von Stunde zu Stunde eine ganz andere sein. Hat Sie das belastet?

Brocker: Es war mehr eine Umstellung als eine Belastung. Ich bin nicht nur Zivilschutzkommandant, sondern auch Feuerschutzbeamter in Altstätten. Es ist meine Aufgabe, dank meiner Erfahrung Probleme zu lösen. Ich bin seit 27 Jahren bei der Feuerwehr, da geht auch manchmal der Pager ab und ich muss alles stehen und liegen lassen, insofern bin ich es gewohnt, rasch zu reagieren und zu handeln.

Ging Ihrer derzeitigen Aufgabe eine Schulung voraus, in der die Ereignisse in Syrien und Afghanistan behandelt wurden?

Brocker: Für eine umfassende Schulung blieb keine Zeit. Kenntnisse über die Lage vor Ort gehören auch nicht zu unseren Prioritäten, für uns steht im Vordergrund, den geflüchteten Menschen eine Unterkunft, etwas zu essen und eine Dusche zu geben. Über die Lage im Mittleren Osten haben wir viel aus dem Staatssekretariat für Migration erfahren, ausserdem hat sich jeder selbst informiert.

Woran denken Sie beim Stichwort Syrien?

Brocker: Es wäre erstrebenswert, die herrschenden Konflikte im Land selbst lösen zu können, bevor Flüchtlingsströme entstehen. Aber das ist leichter gesagt als getan und liegt auch nicht in unserer Macht. Es befinden sich so viele Menschen auf der Flucht, wir können uns das gar nicht vorstellen.

Wie sehr berührt Sie das Schicksal der Menschen, die in den Notunterkünften ankommen?

Brocker: Es wäre verrückt, wenn mich das alles kalt liesse. Ich habe Dinge gesehen, die ich niemandem wünsche und diese Erinnerungen bleiben gespeichert. Dennoch müssen wir – besonders die jungen Betreuer – auch lernen, eine gewisse Distanz zu wahren, die Probleme nicht zu nahe an uns herankommen zu lassen. Wir müssen helfen, das Problem zu lösen und nicht ein neues schaffen, indem wir die Distanz verlieren und selbst niedergeschlagen sind.