Leitplanken in die Zukunft Altstättens

Der Stadtrat von Altstätten hat eine Vision für die Entwicklung der Gemeinde aufgestellt. Im Interview sagt Stadtpräsident Ruedi Mattle, weshalb es solche Visionen braucht. Er lädt die Bevölkerung zudem ein, diese Zukunftsvorstellungen zu kommentieren und zu ergänzen.

Max Tinner
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Stadt mit ländlichem Charakter: Altstätten will jedem gefallen und soll dies auch künftig. Eine Vision soll dem Stadtrat für die Weiterentwicklung der Gemeinde Richtschnur sein. (Bild: Max Tinner)

Stadt mit ländlichem Charakter: Altstätten will jedem gefallen und soll dies auch künftig. Eine Vision soll dem Stadtrat für die Weiterentwicklung der Gemeinde Richtschnur sein. (Bild: Max Tinner)

Wozu eine Vision? Gebärt man damit nicht nur einen Papiertiger?

Ruedi Mattle: Nein. Wir brauchen einen gemeinsamen Nenner, der uns Leitplanken auf dem Weg in die Zukunft setzt. Sicher muss sich der Stadtrat auch mit Fragen befassen, bei denen solche Leitsätze nicht besonders helfen. Bei Grundsatzfragen tun sie es hingegen schon. Wir wünschen uns darum, dass sich möglichst viele Altstätterinnen und Altstätter bei der weiteren Ausgestaltung dieser Vision beteiligen.

Wie viele haben denn bisher schon eine Eingabe dazu gemacht?

Mattle: Erst 24. Das ist etwas ernüchternd. Aber die Möglichkeit besteht noch weiterhin. Es ist ja nicht so, dass sich die Einwohnerinnen und Einwohner nicht für die Zukunft ihrer Gemeinde interessieren würden. Es ist ganz im Gegenteil sogar eindrücklich, wie viele Private sich für das Wohl der Stadt einsetzen. Und vielleicht sind ja alle, die sich nicht gemeldet haben, tatsächlich mit unserer Vision von Altstätten zufrieden.

Und jene, die sich gemeldet haben: Was sagen sie zur Vision des Stadtrates?

Mattle: Die Bandbreite reicht von grosser Zustimmung bis hin zu totaler Ablehnung. Es ist ja wirklich so, dass man jede Aussage hinterfragen kann. Der Stadtrat hat es selbst auch getan. Was herausgekommen ist, ist nichts anderes als ein gemeinsamer Kompromiss. Nun geht es darum, die Meinung der Bevölkerung einfliessen zu lassen. Auch wenn es Leute gibt, die sagen, «schreibt nicht, macht endlich».

Es gibt wohl aber auch Leute, die die Stadt gleich wieder zurückpfeifen würden, wenn sie einfach «endlich macht». Manch einer hat ja den Eindruck, die Altstätter würden gerne streiten. Wünscht sich der Stadtrat deshalb in seinen Visionen für 2025 den «gemeinsamen Willen zur konstruktiven Zusammenarbeit» und eine «faire und lösungsorientierte Streitkultur»?

Mattle: Streiten ist nicht von vornherein schlecht. Man findet dabei womöglich zu den besten Lösungen. Es geht bei unserer Formulierung um Fairness. Als Stadtpräsident sehe ich mich als Moderator, als Vermittler. Ich versuche, die Interessenvertreter an einen Tisch zu bringen und mit ihnen gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten. Dies setzt allerdings voraus, dass die Leute auch gewillt sind, einen Konsens zu finden. Und ich denke, in Altstätten ist man dies durchaus. Die Leute sind meines Erachtens die Grabenkämpfe leid.

In der «Vision 2025» spricht sich der Stadtrat für Wachstum aus. Die Rede ist konkret von 12 500 Einwohnern im Jahr 2025. Ist das wirklich so gescheit? Immerhin bringt das mehr Verkehr, hat höhere Infrastrukturkosten zur Folge, bringt aber nicht zwingend mehr Steuereinnahmen.

Mattle: Der Stadtrat möchte, dass Altstätten im Rheintal weiterhin eine Zentrumsfunktion hat. Dazu wird Altstätten aber noch etwas wachsen müssen. Natürlich erhoffen wir uns von einem Bevölkerungswachstum auch mehr Steuereinnahmen. Dass Wachstum etwas kostet, dessen sind wir uns durchaus bewusst. Darum wünschen wir uns nicht einfach ein quantitatives, sondern ein qualitatives Wachstum.

Verliert man durch das Wachstum nicht automatisch an Attraktivität?

Mattle: Nicht zwangsläufig. Altstätten kann unterschiedlichsten Ansprüchen gerecht werden: Wer gerne ein städtisches Umfeld hat, der findet das im Zentrum Altstättens, wer lieber in einer dörflichen Gemeinschaft und ländlichen Umgebung lebt, dem können wir das ebenfalls bieten.

Altstätten schaut oft mit neidischem Blick auf das steuergünstige Balgach. Wirbt Altstätten solchen Gemeinden nun steuerkräftige Einwohner ab?

Mattle: Nein, das tun wir nicht. Aber sie sind uns natürlich herzlich willkommen, wenn sie kommen möchten. So abwegig ist dies übrigens nicht. Die meisten Zuzüger kamen 2013 aus der Gemeinde Oberriet, was zeigt, dass Altstätten innerhalb der Talschaft attraktiv ist – trotz des hohen Steuerfusses.

In seinen Visionen hofft der Stadtrat, dass in zehn Jahren jeder zweite Einwohner ein Einkommen von über 50 000 Franken versteuert. Bekommt man einen Job bei der Stadtverwaltung, wenn man heute nicht so viel verdient?

Mattle: Finanzielle Anreize können wir leider nicht bieten. Wir setzen auf Attraktivität. Der Stadtrat denkt bei dieser Vision an gutverdienende Zuzüger und nicht mal unbedingt an Schwerreiche. Viele mittelständische Steuerzahler sind uns mindestens so recht wie ein, zwei mit sehr dickem Portemonnaie.

Damit nicht gleich die Finanzen der Stadt in Schieflage geraten, wenn so jemand wieder wegzieht?

Mattle: Ja. Wobei man nicht unbedingt des Steuerfusses wegen wegzieht. Wer sich hier wohlfühlt, bleibt gerne hier. Mir haben kürzlich Berliner, die in Altstätten wohnen, gesagt, dass für sie Berlin und Altstätten die attraktivsten Wohnorte sind.

In seinen Visionen sieht der Stadtrat ein Risiken- und Chancenmanagement vor. Der letzte Sommer hat mit dem grossflächigen Erdrutsch im Ober Weidist gezeigt, dass Ereignisse eintreten können, die man sich bis dahin nicht hat vorstellen können. Wie will der Stadtrat einkalkulieren, was man nicht erahnen kann?

Mattle: Man denkt schon an vieles. Die Gefahrenkarte des Kantons ist da ein nützliches Instrument. Der Rutsch im Weidist wäre trotzdem kaum zu verhindern gewesen. Ich wüsste nicht wie. Solche Risiken bestehen einfach. Wichtig ist, dass die Organisation stimmt, wenn so etwas passiert. Beim genannten Management der Chancen und Risiken geht es aber weniger um Naturgefahren als um das Entwicklungspotenzial und um beeinflussbare Gefahren. Zum Beispiel betrachten wir unsere Altstadt als Chance, als Alleinstellungsmerkmal, das uns in der Region einzigartig macht. Es besteht aber ein Risiko, das es «aussterben» könnte. Mit dem Projekt Begegnungsstadt wirken wir dem entgegen. Von diesen Chancen und Risiken wusste man freilich vorher schon. Wir wollen sie aber gezielter im Auge behalten und bearbeiten.

Für die Altstadt will Altstätten auch den Wakkerpreis gewinnen. Warum das?

Mattle: Weil dies eine messbare Zielgrösse ist und weil die Verleihung des Wakkerpreises von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Unter anderem wird auch in der Tagesschau darüber berichtet.

Die Nennung des Wakkerpreises in der Visionenbroschüre ist demnach ernsthaft gemeint und nicht nur symbolhaft aufgeführt?

Mattle: Durchaus. Er ist aber kein vordringliches Ziel. Wir erhoffen uns den Wakkerpreis im Verlauf der nächsten zehn Jahre.

Rechnen Sie sich gute Chancen aus?

Mattle: Ja. Auch weil der Preis für eine nachhaltige und zukunftweisende Altstadt-Entwicklung, eine sinnvolle Verschmelzung von Alt und Neu, vergeben wird und nicht allein für die Erhaltung historischer Bauten. Wobei unser Städtli durchaus erhaltenswert und sehr schön ist – das zeigt sich auch darin, dass es in verschiedenen Büchern mit schönen Altstädten drin ist.

Mit dem Projekt Begegnungsstadt hat man einen ersten Pflock zur Entwicklung der Altstadt eingeschlagen. Bestärkt es aber nicht Skeptiker, die sagen, andre Teile der Gemeinde würden vernachlässigt?

Mattle: Wir beschränken die Entwicklung Altstättens nicht auf die Altstadt. Das Städtli ist aber als Zentrum unserer Gemeinde identitätsstiftend und macht einen wesentlichen Teil der Lebensqualität der ganzen Gemeinde aus. Es verdient darum besonderes Augenmerk. Das heisst nicht, dass wir Lienz, Plona, Hinterforst, Lüchingen und die verschiedenen Weiler und Streusiedlungen vergessen. Wenn wir Anfragen von Zuzugswilligen erhalten, weisen wir im Gegenteil gerne auf die Möglichkeiten in diesen Orten hin. Für jemanden, der eher ländlich wohnen möchte, sind sie ausgesprochen interessant, auch bezüglich der Bodenpreise und der lebendigen Dorfgemeinschaften. Ich bin überzeugt, wer hierher zieht, egal, ob in die Stadt oder in eines unserer Dörfer, wird sich bald daheim fühlen.

Was, wenn einmal alle jetzt aufgestellten Visionen Realität geworden sind?

Mattle: Dann wird es garantiert neue geben. Die Welt entwickelt sich ja weiter und Altstätten wird es hoffentlich auch tun. Da werden auch immer wieder neue Ziele zu setzen sein.

Die Möglichkeit, dem Stadtrat seine eigene Vision von der Zukunft Altstättens kundzutun, besteht weiterhin. Man kann dies per Brief an die Stadtkanzlei der Stadt Altstätten, Rorschacherstrasse 1, 9450 Altstätten, per E-Mail an kanzlei@altstaetten.ch oder mit dem Formular auf der Homepage der Stadt Altstätten tun. Das Formular (und auch ein PDF des Faltprospekts und eine Broschüre zur Vision 2025) findet man auf www.altstaetten.ch/vision2025.

Stadtpräsident Ruedi Mattle. (Bild: pd)

Stadtpräsident Ruedi Mattle. (Bild: pd)

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