Leidenschaftliches Wort zum Sonntag

Lateinamerikanische Musik in einer «beinahe kammermusikalischen Besetzung» (Flyer) in einem Kirchgemeindehaus: Kommt das gut? Klar, wenn man weiss, dass der Kulturverein Widnau dahinter steht.

Maya Schmid-Egert
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Epizentrum der Emotion: Konstantin Garcia Topalidis am Mikrophon und Dave Mäder. (Bild: Maya Schmid-Egert)

Epizentrum der Emotion: Konstantin Garcia Topalidis am Mikrophon und Dave Mäder. (Bild: Maya Schmid-Egert)

WIDNAU. Der Ficus Benjaminus erweckte zuerst die Aufmerksamkeit des Publikums. Die schwere Zimmerpflanze, der das viele Licht im evangelischen Kirchgemeindehaus mit der zur Kapelle hin geöffneten Fensterfront offensichtlich sehr gut bekommt, musste mehrmals zur Seite gerückt werden, um noch mehr Stühle hinter dem Vorhang hervor zu fischen. Zuletzt gab es keinen freien Platz mehr, überschlagsmässig müssten es 120 Menschen gewesen sein. Überrascht zeigte sich Kulturverein-Sprecher Urs Sieber und folgerte: «Ich nehme an, dass auch ihr langsam den Frühling sucht.»

Gefühle von der ersten Note an

Dieser liess, wenn man so will, nicht lange auf sich warten, begann es doch dann mit einem sanften «Besame» aus dem Munde von Konstantin Garcia Topalidis. Spanisch musste man dazu nicht können, um zu verstehen, was gemeint war: Küsse mich. Die Augen geschlossen, begleitet vom zarten Klavierspiel von Adriano Regazzin, das weckte durchaus Frühlingsgefühle. Dann aber dies: Wechsel in den Cha-Cha-Cha-Rhythmus! Die Basstöne von Dave Mäder verursachten ein erstes Zehenwippen. Es folgte ein Solo vom Pianisten. Wieder ein wohlklingendes «Corazón» – und dann: Augen auf, Fingertip auf den Bassisten, ein kurzes «Gracias». Schluss des Intros.

Spätestens jetzt fragte man sich: Wer sind eigentlich «Heridos de Sombra»? Die Antwort: Eine musikalische Referenz an den kubanischen Musiker Ibrahim Ferrer, der durch den Film «Buena Vista Social Club» weltweit bekannt wurde. Drei Lieder wurden ihm gestern gewidmet, dazu forderte Leadsänger Konstantin Garcia Topalidis unermüdlich zum Tanzen auf: «Fühlt euch frei und bedenkt: Kultur ist immer gegenseitig.» Daraus wurde zwar trotz schwofigen Rhythmen, einzelnen tanzwilligen Besucherinnen und sogar einem peruanischen Walzer (was man übrigens musikalisch kaum für möglich gehalten hätte) bis zum Schluss nichts, mangelte es doch schlicht an betanzbarer Fläche.

Im Programm erkannte man viele bekannte Songs, deren Namen man vielleicht nicht mehr wusste, aber irgendeinem Doris-Day-Film zuordnen konnte, weil sie schon sehr alt sind. Ihrer (Tiefen-)Wirkung tat dies keinen Abbruch, handelt es sich doch durchwegs um gefühlvolle Latino-Klassiker von Son, Cha-Cha-Cha, Sambas bis Boleros.

Wer solche Lieder interpretiert, setzt sich zwangsläufig auch emotional aus. Eindrücklich zeigte sich dies beim Song «Mas que nada», dem Hohelied des Sambas (und kürzlich wieder in Umlauf gebracht durch die «Black Eyed Peas») und vielen bekannt durch das einstimmende «O-o-o-o-o-o arya ayo – obá, obá, obá».

Im Text heisst es sinngemäss: «Was solls? Geh mir aus dem Weg, ich möchte vorbei, denn dieser Samba ist heiss. Was ich will ist, diesen Samba zu tanzen.»

Trotz der tragfähigen Stimme des Leadsängers merkte man: Dieser Mann kann mehr. Brauchte er wohl ( wie eingangs angetönt mit «Kultur ist gegenseitig») mehr Energie des Publikums? Mehr Bewegung, mehr Mitsingen, mehr Party?

Das Beste zum Schluss

Gut, dass die vier «Heridos de Sombra» es damit nicht bewenden liessen. Zum Schluss, nach einem zweiten Solo von Percussionist Georg Mikirozis mit der Cajon, schloss Konstantin Garcia Topalidis noch einmal die Augen, verlinkte sich mit seinem Inneren und schmachtete bilderbuchmässig «Besame mucho». Daran gab es überhaupt nichts zu meckern. Im Gegenteil: Jetzt wäre man erst richtig im Flow gewesen. Wer weiss: Vielleicht hätte bald jemand gemerkt, dass man die Stühle doch besser hinter dem Ficus gelassen und damit Raum zum Tanzen gelassen hätte?

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