Lehre bewahrt vor Gefängnis

Das Bezirksgericht Münchwilen verurteilt einen jungen Mann zu 20 Monaten Haft bedingt. Er hatte übers Internet Waren zum Verkauf angeboten, die er nicht besass.

Inge Staub
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MÜNCHWILEN. Das waren die längsten 60 Minuten seines Lebens. Eine ganze Stunde lang hatten sich die Richter am Bezirksgericht Münchwilen zur Beratung zurückgezogen. Als der 25-Jährige das Urteil vernahm, fiel ihm sichtlich ein Stein vom Herzen. Er war mit einem blauen Auge davongekommen. Er muss nicht ins Gefängnis. Der Staatsanwalt hatte eine Gefängnisstrafe von elf Monaten gefordert. Eine Bewährung hielt er nicht für sinnvoll, da der Angeklagte bereits früher zu bedingten Geldstrafen verurteilt worden sei. Dies sei ohne Wirkung geblieben.

Eine Reihe von Delikten

Dem jungen Mann, der einige Zeit im Hinterthurgau lebte und jetzt im St. Galler Rheintal zu Hause ist, wurde eine Reihe von Delikten zur Last gelegt. In der Hauptsache musste er sich wegen gewerbsmässigen Betrugs verantworten. Er hatte im Frühjahr 2008 über die Online-Auktionsplattform ricardo.ch elektronische Geräte wie Handys, Laptops oder eine Sony-Playstation 3 angeboten.

Die Ware nie gesehen

Die interessierten Personen überwiesen ihm den geforderten Betrag, sahen die Ware jedoch nie, weil sie der junge Mann gar nicht besass. Damit die Bieter aufgrund von vielen schlechten Bewertungen keinen Verdacht schöpften, verwendete der Angeklagte immer wieder neue Benutzernamen. Mit den Internet-Auktionen hatte der damals Erwerbslose in einem Zeitraum von vier Monaten 20 000 Franken eingenommen.

Rechnungen nicht bezahlt

Von den 54 Privatklägern, darunter auch Versandhäuser, deren Rechnungen der Mann nicht bezahlte, war gestern keiner vor Gericht erschienen. Schüchtern beantwortete der Angeklagte die Fragen des vorsitzenden Richters. Ja, er gebe zu, dass er die in der Anklageschrift aufgeführten Personen betrogen habe. Und ja, er bereue sein Verhalten. «Ich habe das Geld benötigt, um meinen Lebenswandel zu finanzieren», begründete er seine Taten.

«Verschulden ist erheblich»

Der Rechtsanwalt des Betrügers räumte ein: «Sein Verschulden ist zweifellos erheblich.» Sein Mandant habe die Online-Plattform missbraucht, um gutgläubige Ersteigerer zu hintergehen. Strafmildernd wertete der Anwalt, dass der Angeklagte seine Schuld eingestanden und wesentlich zur Aufklärung beigetragen habe, indem er von sich aus weitere Geschädigte genannt habe.

Der Anwalt appellierte an das Gericht, auf eine Gefängnisstrafe zu verzichten: «Mein Mandant hat Lehren aus dieser Geschichte gezogen und sein Leben geändert.» So hat sich der Angeklagte, nachdem sein Betrug aufgeflogen war, Arbeit gesucht. Inzwischen macht er eine Lehre. «Er absolviert seine Ausbildung sehr erfolgreich. Seine Zeugnisse sind gut bis sehr gut», betonte der Anwalt. Sein Mandant habe sich aus eigenem Antrieb bemüht, wieder in der Gesellschaft Tritt zu fassen. Dies dürfe nicht durch einen Gefängnisaufenthalt zunichte gemacht werden.

«Viel kriminelle Energie»

20 Monate Freiheitsentzug – jedoch bedingt, lautete das Urteil des Gerichts. Die Richter haben sich für eine höhere Strafe ausgesprochen, als vom Staatsanwalt gefordert, weil der Angeklagte wiederholt betrogen habe. «Sie haben erhebliche kriminelle Energie gezeigt», hielt der Vorsitzende dem jungen Mann vor.

Keine weitere Chance

Weil er eine Lehre begonnen und gute Zeugnisse vorgelegt habe, entschieden sich die Richter, eine bedingte Strafe auszusprechen. «Seien Sie sich bewusst: Es wird keine weitere Chance geben», warnte der Vorsitzende den jungen Mann.