Kunstturnen als Leidenschaft

Ein toller Körper und innere Zufriedenheit oder weshalb sich ein Leben in der Turnhalle lohnt. Ursachenforschung während der Kunstturn-Matinee in Marbach.

Andrea Kobler
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KUNSTTURNEN. 23 Turner trainieren derzeit im Trainingszentrum Rheintal. Ihnen zur Seite stehen vier Trainer und fünf Hilfstrainer. Sechs von ihnen sind ehemalige Turner aus den eigenen Reihen. Mit Flavio Pfenninger steht einer von ihnen Reini Blum gar als Trainer zur Seite. Weshalb verbringt ein ehemaliger Spitzenturner auch die Zeit nach der Karriere mit Begeisterung in der Turnhalle?

Hart und komplex

Kunstturnen ist eine der härtesten und komplexesten Sportarten überhaupt. Am Montagmorgen eineinhalb Stunden Krafttraining, jeden Tag nach der Schule direkt in die Turnhalle, bis die Wettkämpfe am Wochenende das Programm ausklingen lassen. Der heute 30-jährige Flavio Pfenninger aus Widnau war ein begeisterter Kunstturner. Übers Sportgymnasium sollte der Weg zum Profisport führen. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits durch Reini Blums Schule gegangen. Er gehörte 1996 zur ersten Gruppe, die in der damals neuen Kunstturnhalle mit Schnitzelgrube in Widnau trainierte.

«Verpasstes» nachgeholt

Der vom Kunstturnen begeisterte Nachwuchs war noch eine kleine Gruppe, bald wurde Pfenningers Kollegenkreis in der Turnhalle klein. Seine Freunde fuhren an der Halle vorbei Richtung Freibad, wenn er zum x-ten Mal an der Perfektion seiner Elemente feilte und meist auch wieder nach Hause, wenn der Turner noch immer seinen Körper stählte. Doch Pfenninger wollte gut und besser werden: «Die Turnhalle war mein Leben, ich kannte nichts anderes.» Doch dann, 17-jährig und im P6 turnend, brach er sich die Elle: Rücktritt. Die Verletzung führte zum Schlussstrich. Doch der Grund lag woanders: «Ich hatte keine Lust mehr.»

Wie denkt Flavio Pfenninger heute mit über zehn Jahren Abstand über die Lebensschule Kunstturnen nach? Das Gefühl, etwas verpasst zu haben, hat er nicht. «Das habe ich längst nachgeholt», lacht er mit Schalk in den Augen. Während er das Gymnasium abschloss, trainierte er während zwei Jahren Nicola Graber, den derzeit erfolgreichsten Kunstturner aus den Reihen des TZ Rheintal. Danach brauchte er Abstand, war auf der Suche. Das Studium in Pädagogik brach er ab, schnupperte hier und dort Berufsluft und machte schliesslich die Ausbildung zum klassischen Masseur.

Zwischen Chef und Kollege

Heute ist er selbständig erwerbend und im Teilpensum Kunstturntrainer. Damit kehrte er nach zehn Jahren wieder in die Turnhalle zurück. «Ich liebe es, Trainer zu sein», erzählt Pfenninger, der heute rund zehn Stunden pro Woche in der Halle steht. Natürlich müsse er hart sein, seine vier Jungs auch mal tadeln und die Balance zwischen Chef und Kollege finden: «So bin ich während des Trainings ein anderer Mensch als danach.» Heute ist Pfenninger überzeugt, dass die Kinder auch ihren Kollegenkreis im TZ Rheintal finden. Fürs Leben kann er seinen Schützlingen viel mitgeben. Der Turnsport bringt für das künftige Leben Durchsetzungsvermögen, Selbstvertrauen und eine körperliche Ausbildung mit einer unter anderem starken Feinmotorik: «Und wenn man Glück hat, für das ganze Leben einen tollen Körper.»

Der Job als Trainer bereite ihm heute noch mehr Freude als die Zeit als aktiver Turner: «Mit diesen Jungen zu arbeiten ist einfach schön. Ihre leuchtenden Augen und das Staunen der Eltern und Grosseltern über das Gelernte sind Mühe und Aufwand allemal wert.» Das Amt als Trainer bedeutet ihm nicht, Erhaltenes zurückzugeben: «Das mache ich für mich.» Doch er mache es im TZ Rheintal und das sei der Dank an Reini Blum für die immensen Mühen und die Aufbauarbeit, die er in über 20 Jahren für das Zentrum und die vielen Turner geleistet habe.