Küa und Goassa uf da Hoschtig

In dieser Serie dient die Oberrieter Mundart als Beispiel für den Sprachwandel.

Christoph Mattle
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Die Welt und die Mundart von damals waren bäuerlich geprägt. (Bild: pd)

Die Welt und die Mundart von damals waren bäuerlich geprägt. (Bild: pd)

Mis Easchklassläasibüachli, das ich im Oberied benützen durfte, wurde vom Erziehungsrat des Kantons St.Gallen herausgegeben; just im Jahr meiner Geburt, 1952. Das Läasibüachli wurde im Jahr 1974 in 6. Aufla­-ge neu gedruckt. Das bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler, die zu Beginn der Siebzigerjahre auf die Welt kamen, noch mit «meinem» alten Büachli unterrichtet wurden. Ihnen wurde ein damals schon altes Gesellschafts- und Familienbild vermittelt. In diesem Bild herrscht die bäuerliche Welt vor, die Frau im Haushalt, der Mann auf dem Bauernhof.

Fast jeder Haushalt hatte einen Pflanzblätz

In meiner Jugendzeit gab es noch viele Bauern im Dorf. Die Mehrheit meiner Mitschülerinnen und Mitschüler kam allerdings nicht mehr aus einer Bauern­familie. Dennoch herrschte das Bäuerliche vor. Fast jeder Haushalt hatte einen Pflanzblätz, einen grossen Garten oder ein Stück Boden draussen im Feld oder im Ried. Die meisten Haushalte waren mehr oder weniger Selbstversorger.

Man pflanzte Häadöpfil, Rüabli, Buwääali, Bloomaköhl, Kollrääbli, Salööd, Bölla, Randig, Boana, Stigiläarbs, Röasliköhl oder Säallari. D’ Häadöpfil waren als Grundnahrungsmittel von grösster Bedeutung. In den meisten Haushalten wurden die braunen Knollen im Keller in der Stieg eingelagert. In den Keller kam im Herbst auch der Moscht, süss oder vergoren, meistens in einem Holzfass. Wer einen Acker hatte, hatte in der Regel auch Töargga und Töarggamäal. Das war wichtig für den Ribel, den es jeden Morgen zusam­-men mit Kafi oder Mialch gab. Heute ist es für Firmen wichtig, dass in ihren Produkten, die aus fernen Ländern kommen, keine Kinderarbeit steckt.

Kinderarbeit ist verboten

Auch wenn ich das Verbot von Kinderarbeit in der industriellen Produktion befürworte, so ist dennoch eine Bemerkung dazu erlaubt. Früher, als die Gesellschaft bäuerlich geprägt war, brauchte man die Goofa für die Mitarbeit. Alle hatten, sobald sie den Kinderschuhen entwachsen waren, im Stall und auf dem Feld mitzuhelfen. Oft hörte man im Oberied das geflügelte Wort: «För waa häapma Goofa? – Teenk zum Wäarcha, zum Fol­ga und zum Huusa.» Mich deucht manchmal, in einem modernen durchschnittlichen Haus­halt sei das alles ausgestorben, das Wäarcha, das Folga und das Huusa. Die Goofa können in einem Drei- oder Vierperso­nenhaushalt gar nicht mehr wäarcha. Wo denn auch? Es gibt die Wasch- und die Abwaschmaschine, den Roboterstaubsauger, den Roboterrasenmäher, die Autowaschanla­- ge, den Hemdenservice oder den «Le-Shop»-Hauslieferdienst.

D’ Goofa momma hoassa

Kaputte Kleider werden nicht mehr geflickt, Socken werden nicht mehr gestopft. A Moattar us am Oberied erläuterte mir ihre Erziehungsmethode. Ihre Devise: «D Goofa momma hoas­sa.» Mit hoassa meinte sie heissen oder befehlen. Von kodifizierten Kinderrechten wusste man nichts. In vielen Familien war es so, dass d’ Goofa beim Essen schweigen mussten. Nur die Grossen sprachen. Und oft war es so, dass um punkt halb ein Uhr, wenn das Zeitzeichen aus dem Observatorium Neuenburg ertönte und dann die Nachrichten von Radio Beromünster ausgestrahlt wurden, alle rund um den Mittagstisch still sitzen mussten. Der Vater wollte die Nachrichten hören. Die Mutter hatte ja kein Stimm- und Wahlrecht…

Was man unter Radio Beromünster versteht, wissen junge Leute nicht mehr. Wenn sie einmal im Flecken Beromünster im Kanton Luzern vorbeifahren und den alten Sendemast sehen, denken sie vielleicht, da stehe eine grosse Händi-Antenne. Der Sendemast steht unter Schutz, und ein Radiomuseum erinnert an die Zeit, als Radio Beromünster eine bedeutende schweizerische Institution war.

Auch wer im Oberied nicht innara Puurarei aufwuchs, ging in der Regel mit einem Puura­buab gi Hüata. Man trieb ‘s Väa zum Dorf hinaus uf d’ Hoschtig. Weil die Hoschtig nüd iikhagat gsii ischt, häapma Küa müsa hüata. Das Wort Hag wird immer seltener benützt. Viele Leute reden heute vommana Zuun. Mehr oder weniger ausgestorben ist das Wort Läabhaag, den man heute Hecke nennt. Auch wenn ich den Wandel der Mundart nicht bedauere und nicht alten Mundartwörtern nachtrauere, so ist es dennoch schade, wenn ein so schönes Wort wie Läabhaag ausstirbt.

Bichoo statt überkoa

Uf da Hoschtig häatts fein gschmeckt, die vielen Blumen und Gräser, ein Genuss für die Nase. Das Wort schmecka hat in den vergangenen Jahren einen totalen Wandel vollzogen. Früher sagte man, die Blumen schmecken fein. Wenn man sagte, das Butter schmecke, dann hat es ggräächalat. Das hiess, es sei verdorben, es rieche, es stinke. Heute sagen viele, da Zmeat­tig häad mear gschmeckt; ein neues Wort in unserer Mund­- art – und wiederum eines, das wir aufgrund des Fernsehens und der Medien bekommen haben.

Auf Mundart würde das heissen: A Woat wommar wäagam Fäannsäa übarkoa hond. Das Wort übarkoa wird zurzeit in den Hintergrund gedrängt, denn immer mehr sagen die Leute bichoo. Als Beispiel: I ha Poscht bichoo.