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Krimi und Festspiele

Tourmalet, Mont Ventoux, Alpe d'Huez – dort kraxelten die Radfahrer rauf. Stundenlang, tagelang. Ich sass vor der Glotze und schaute Tour de France. Wochenlang, jahrelang. Draussen war schönstes Sommerwetter, ich liess die Rollläden runter.

Tourmalet, Mont Ventoux, Alpe d'Huez – dort kraxelten die Radfahrer rauf. Stundenlang, tagelang. Ich sass vor der Glotze und schaute Tour de France. Wochenlang, jahrelang. Draussen war schönstes Sommerwetter, ich liess die Rollläden runter. Ich kannte die arrivierten Favoriten, und wenn einer überraschend in deren Phalanx einbrach, lernte ich seine Fahrweise kennen.

Alles für die Katz'! Seit diesem Jahr wissen wir hieb- und stichfest: Seriensieger Lance Armstrong war ein Betrüger. Weil die in der Rangliste nachfolgenden Fahrer sich auch kräftig aus der Doping-Apotheke der Dottore Ferrari und Fuentes bedienten, klafft auf der Siegerliste von 1999 bis 2006 ein Loch. Wie zwischen 1915 und 1918 sowie 1940 und 1946 – den Jahren, in denen in Europa der Krieg tobte.

Ich teile mir die Tage nicht ein, die ich dem Herrgott stehlen darf – der nichtsnutzige Tag hat einen schlechteren Ruf, als er verdient. Aber dass ich Stunden damit verbrachte, ein Rennen zu bewundern, das faktisch gar nicht stattgefunden hat, irritiert mich.

Weil ich mich betrogen fühle.

Wenn ich des Betruges aber nicht ohnehin bewusst gewesen wäre, wäre ich wütend geworden.

Bestätigung der Ahnung

Wer Augen und Ohren offen und allgemein die Sinne beieinander hat, weiss aber: Auf «panyagua» (Radfahrer-Spanisch für Wasser und Brot) hat schon lange niemand mehr die Tour gewonnen – zweifelhaft ist gar, ob es das überhaupt je gegeben hat. Beim Alkohol angefangen, ist im Ausdauersport schon immer mit (angeblich) aufputschenden Substanzen experimentiert worden.

Das waren zum Teil hirnrissige Experimente, nicht immer harmlos. Aber man sollte die Moral nicht übers wahre Leben stellen: Oft hatten die Versuche den Charme des Selbstbetrugs im Alltag – wie wenn unsereiner sagt, er gehe ein Bier trinken, in Wahrheit werden es aber vier. Erschreckend ist hingegen die Systematik, die Wissenschaftlichkeit (und gleichzeitig der teilweise laxe Umgang mit Blutbeuteln), mit der Doping im Radsport ein Jahrzehnt lang betrieben worden ist. Anschaulich näher bringt die kriminelle Energie der Zunft das Buch «Die Radsport-Mafia» von Tyler Hamilton – Kron- und Zeitzeuge – sowie dem Autor Daniel Coyle (Verlag Malik).

Die Frage klingt zynisch, aber sie ist nach der Lektüre des Buches berechtigt: War Armstrong unter den Betrügern der beste – oder war er der gerissenste Betrüger?

Die Überführung des Texaners als Dopingsünder ist eine gute Nachricht. Die Omertà, die Mauer des Schweigens, hat Risse bekommen. Doch die Signale, die der Weltverband UCI aussendet, lassen vermuten: Damit die Mauer einstürzt, braucht es noch mehr Erschütterungen.

Britischer Sportsgeist

Auch an die Olympischen Spiele in London werden wir noch oft erinnert werden. Aber auf umgekehrte Weise: London war ein wunderschönes Sportfest mit leidenschaftlichen und kundigen Zuschauern. Olympische Spiele als Gegenentwurf zu Grossveranstaltungen, in denen sich zweifelhafte Regierungen darstellen. Das zeigte schon die Eröffnungsfeier, an der die Queen einen Einsatz als Bond-Girl hatte. Und die Briten ihren herausragenden Beitrag zur Popkultur feierten. Dabei waren wir von solchen Anlässen militärisch anmutende Paraden gewohnt, die von alten Erfolgen auf Schlachtfeldern erzählen.

Der Geist der Freiheit, des Unideologischen, hat die Spiele denn auch geprägt – wie nachher auch die Paralympics, an denen die Stimmung fast noch enthusiastischer war. Wir sollten daran denken, wenn sich am nächsten Grossanlass wieder ein Landeschef abfeiert. Denn die meisten demokratischen Grossstädte haben ohnehin Lasten zu tragen, die sich mit dem Effort eines Super-Events nur schlecht vertragen. Wäre schön, wenn London hier eine Vorbildfunktion einnimmt.

2013 ist kein Olympia-Jahr, die Tour de France wird aber vorläufig stattfinden. Ich werde viel Zeit haben für die Schönheiten des Sommers. Alter Rhein und St. Anton statt Alpe d'Huez und Mont Ventoux. Yves Solenthaler

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