KRIESSERN: Den Blick auf Europa gerichtet

Fredy Lüchinger sagt, dass es der Schweiz gut gehe, verdanke sie auch der EU. Der Kriessner, der in Dornbirn lebt, sähe die Schweiz gern als ihr Mitglied.

Gert Bruderer
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Das Ja zur Initiative gegen Masseneinwanderung hat Fredy Lüchinger veranlasst, in Dornbirn ein Büro zu mieten. (Bild: Gert Bruderer)

Das Ja zur Initiative gegen Masseneinwanderung hat Fredy Lüchinger veranlasst, in Dornbirn ein Büro zu mieten. (Bild: Gert Bruderer)

Gert Bruderer

Der 53-jährige Unternehmens­berater gründete im August die Ostschweizer Sektion der Neuen Europäischen Bewegung Schweiz (Nebs). In seiner Heimat wird er deswegen belächelt, wenn nicht beschimpft. Fast feindselig seien gewisse Reaktionen, sagt Lüchinger, der das zwar gelassen nimmt, es aber schade findet. Genauso bedauert er die Zurückhaltung jener Politiker, die zum Thema lieber nichts sagen, weil sie die Auseinandersetzung scheuen.

Dass es möglich ist, sich über das Verhältnis der Schweiz zur EU mit Rheintalern diesseits der Grenze sachbezogen zu unter­halten, erlebt der Kriessner zu seinem Glück in Gesprächen mit Auftraggebern. Ihre Beziehung zu ausländischen Firmen sei von Richtlinien der EU geprägt, ihr Blick auf die Wirklichkeit unverstellt.

Gegen Hürden und Trugschlüsse

Fredy Lüchinger, der in der Schweiz den Grossteil seiner Kundschaft hat, sieht in seinem Berufsalltag nicht nur, wie schwer es kleineren und mittleren Schweizer Unternehmen fällt, im Vorarlberger Markt Fuss zu fassen. Er erlebt auch die Hemmung von Vorarlberger Unternehmern, Aufträge ins St. Galler Rheintal zu vergeben. Die Umständlichkeit werde gemieden.

Doch Fredy Lüchinger geht es nicht einmal in erster Linie um den wirtschaftlichen Aspekt. Vielmehr zeichnet er das Bild einer freien, sich frei bewegenden Gesellschaft, deren Alltag möglichst frei von bürokratischen Hürden ist und die ohne Trugschlüsse auskommt. Der Schweizer missachte gern, dass unser Schweizer genauso wie das Österreicher Recht von EU-Recht durchdrungen sei, sagt Lüchinger.

Zum Umzug hat eine ­Entwicklung geführt

Das Elternhaus des Kriessners steht 200 Meter westlich der Landesgrenze. Als Kind wunderte er sich über die Schranke beim Zoll. Seit er am Stadtrand von Dornbirn zusammen mit seiner Frau ein kleines, eigenes Haus bewohnt, lernte er auch Menschen kennen, die aus Mäder stammen. Sozusagen unbekannte Nachbarn, sagt er. Ein kleiner unscheinbarer Schlagbaum an der Grenze habe eine spezielle Art von überflüssiger Distanz geschaffen.

Die Vorzüge der Bilateralen Verträge oder einer EU-Mitgliedschaft aufzuzählen, fällt Fredy Lüchinger leicht. Hingegen stockt er bei der Frage, warum seine Frau und er vor zweieinhalb Jahren nach Dornbirn gezogen seien, obschon sie mit der Stadt oder dem Vorarlberg bis dahin nichts verband. Persönliche Umstände, ein gedanklicher Prozess, geschäftliche Überlegungen und ein grundsätzliches Interesse an einem Leben im EU-Raum hätten zum Umzug geführt, erklärt der Unternehmensberater.

Gesellschaftlich gut ­eingebunden

Den Ausschlag gab ein Ereignis, das die Politik bis heute in hohem Mass beschäftigt: Das Ja zur Initiative gegen Masseneinwanderung. Fredy Lüchinger leistete sich nach der Volksabstimmung den zweiten Firmenstandort jenseits der Grenze. Tageweise mietete er einen Platz im zentral ­gelegenen Campus in Dornbirn, einer Art Gewerbepark, dem das ri.nova in Rebstein nachempfunden ist. Die Stimmung habe ihm sehr zugesagt, weshalb er nach wenigen Monaten fix ein Büro mietete.

Mit den persönlichen Umständen, die den Umzug begünstigten, ist vor allem ein Hobby gemeint. Seit vier Jahren gehört der Kriessner der Big Band des Jazzseminars Dornbirn an, an dem er Unterricht als Posaunist geniesst. Seine gesellschaftliche Einbindung in Vorarlberg geschah nach und nach und insgesamt recht zügig, auch durch seine Mitgliedschaft im Wirtschaftsbund sowie in der Wirtschaftskammer.

Fredy Lüchinger war schon immer bestrebt, für die Gemeinschaft etwas zu tun. Er wirkte als Schulrat in Kriessern, betätigte sich in der Geschäftsprüfungskommission der Primarschul­gemeinde Ekmo (Eichenwies-Kriessern-Montlingen-Oberriet) und präsidierte acht Jahre lang die Kriessner Musikgesellschaft. Das Beste sei, was man im Kleinen mache, im Dorf, sagt Lüchinger, um im gleichen Atemzug festzustellen: «Das schliesst die Eingebundenheit in ein politisch sinnvolles Gebilde wie die EU keineswegs aus.»

In Vorarlberg sei der Alltag von der verwirklichten europäischen Idee regelrecht durchdrungen, ohne dass deswegen die EU ein permanentes Thema wäre, gibt Lüchinger zu verstehen. Dornbirn habe sogar eine EU-­Informationsstelle. Immer wieder fänden Anlässe mit starkem Bezug zur EU statt, und der Blickwinkel in Vorarlberg sei ein markant anderer als in der Schweiz. Obschon die EU keineswegs perfekt sei, stelle in unserem Nachbarland keine Partei die Mitgliedschaft in Frage, hingegen werde er öfter gefragt, wieso denn die Schweiz nicht der EU beitrete, sagt Lüchinger.

«Mit der EU ist es wie mit der Gesundheit»

Während der Franken erstarkt und Rheintaler Firmen teils arg in Bedrängnis geraten seien, hätten die Vorarlberger die Kursentwicklung mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen, sagt der Kriessner. Dem Argument, die Krise habe letztlich die Innovationskraft auf Schweizer Seite gestärkt, hält Lüchinger nicht nur den hohen Preis entgegen, der zu zahlen war. Vom Markt gehe genug Innovationsdruck aus, und für Erneuerung sei ein positives Ereignis der ­bessere Antrieb als eine negative Entwicklung.

Mit Blick auf das Verhältnis der Schweiz zur EU findet es Fredy Lüchinger fahrlässig, wie die SVP sich verhalte. Auch wer sein Geld in der Schweiz verdiene, verdanke dies teils der EU. Mit der Nebs-Sektion Ostschweiz, der rund 180 Mitglieder angehören, will Fredy Lüchinger den Blick auf die EU schärfen und die Bilateralen Verträge stärken helfen, wobei in eher weiter Ferne der Beitritt der Schweiz zur EU aufleuchtet, als Vision. Fredy Lüchinger sagt: «Ich vergleiche die EU gern mit unserer Gesundheit. Man merkt erst, was man an ihr hat, wenn man sie nicht mehr hat.»

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