Konsequent ganzheitlich

Am 1. August übernimmt Astrid von Euw die Gesamtleitung des Sonderschulheims Oberfeld. Auch wenn sich damit das eine oder andere ändern wird, will sie das Heim im selben Geist weiterführen, wie es Peter Albertin die letzten 38 Jahre und dessen Vater die 30 Jahre zuvor taten.

Max Tinner
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Peter Albertin zieht sich nach und nach aus der Leitung des Heims Oberfeld zurück. Neue Gesamtleiterin ist ab 1. August Astrid von Euw. (Bild: Max Tinner)

Peter Albertin zieht sich nach und nach aus der Leitung des Heims Oberfeld zurück. Neue Gesamtleiterin ist ab 1. August Astrid von Euw. (Bild: Max Tinner)

MARBACH. Die Geschichte des Heims Oberfeld ist zu einem grossen Teil die Geschichte der Familie Albertin. 1947 wurde der aus Bad Ragaz stammende Peter Albertin senior «Hausvater» des 1910 erbauten Heims. Zuvor war er hier bereits zehn Jahre Lehrer. Ganze 30 Jahre war er dann Leiter der Institution. 1977 löste ihn sein Sohn, der heutige Heimleiter Peter Albertin, nahtlos ab. Dieser ist damit ebenfalls schon 38 Jahre Leiter des Heims. 68 von 105 Jahren wird das «Oberfeld» also schon von der Hand der Heimleiter Albertin geführt. Auch wenn die Ausrichtung des Heims von einer Trägerschaft vorgegeben wird – bis 1994 war dies die Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons St. Gallen, seitdem ist es die Stiftung Heim Oberfeld –, verwundert es also nicht, dass die Institution vom Denken der Albertins geprägt ist.

An der Biographie ansetzen

Vater und Sohn Albertin orientierten resp. orientieren sich am anthroposophischen Menschenbild. Dies bedeutet, dass man im Heim Oberfeld bestrebt ist, die Kinder und Jugendlichen ganzheitlich zu schulen und zu betreuen. Man will das einzelne Kind aufgrund seiner individuellen Fähigkeiten und Neigungen fördern und zu einem Schulabschluss führen und gleichzeitig die Grundlage für eine berufliche Zukunft legen. Dabei spielt die Biographie des Kindes eine wesentliche Rolle: woher es kommt, wie es bis zum Eintritt ins Heim gelebt hat, wie seine Erziehung aussah, wo es Probleme hat … Manche sind psychisch beeinträchtigt oder verhaltensauffällig, andere haben aus den verschiedensten Gründen Lernbehinderungen, wieder andere können wegen Wahrnehmungs-, Sprach- und Bewegungsstörungen die reguläre Volksschule nicht besuchen, manche zeigen Ansätze zu einer geistigen Behinderung.

Lernen auch auf dem Bauernhof

«Im <Oberfeld> richten wir uns nicht nur nach dem intellektuellen Potenzial eines Kindes», erklärt Peter Albertin diesen ganzheitlichen Ansatz des Heims Oberfeld, «bei uns sieht man die Kinder beispielsweise auch mit Tieren und Pflanzen arbeiten – nicht als Arbeitskräfte zur Bewältigung der auf dem Gutsbetrieb anfallenden Arbeiten, sondern aus therapeutischen Gründen.» Die Erziehung im Heim Oberfeld folge den Ideen Pestalozzis, «mit Kopf, Herz und Hand», veranschaulicht es Astrid von Euw. Das heisst es zwar in praktisch jeder Schule. «Aber kaum woanders lebt man so konsequent danach wie hier», hält von Euw dem entgegen.

Astrid von Euw tritt am 1. August die Nachfolge als Heimleiterin an. Peter Albertin zieht sich mit Blick auf den in drei Jahren bevorstehenden Ruhestand nach und nach aus der Leitung der Institution zurück. Der Stiftungsrat hat diesen Generationenwechsel mit einer Neuorganisation der Institution erleichtert.

Durch die Aufteilung der Leitungsaufgaben in die Bereiche Schule, Sozialpädagogik (Heim und Fördermassnahmen) und Verwaltung lassen sich die Aufgaben, die Peter Albertin bislang alle selbst wahrnahm, auf mehrere Schultern verteilen. Nebst der Gesamtleitung übernimmt Astrid von Euw die Sozialpädagogische Leitung.

Zurück zu den Wurzeln

Peter Albertin wird noch Schulleiter bleiben und sich die Verwaltungsleitung mit Astrid von Euw teilen. Die frei gewordene Kapazität nutzt er für eine Rückkehr zu seinen Wurzeln: Die letzten drei Berufsjahre will er im «Oberfeld» wieder Schule geben.

Biographische Parallelen

Dem Zurückbuchstabieren und Teilen der Leitungsaufgaben mit seiner Nachfolgerin sieht Peter Albertin zuversichtlich entgegen. Astrid von Euw ist in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen: Peter Albertin verbrachte seine Kindheit im Heim Oberfeld; Astrid von Euws Eltern leiteten in Ilanz auf einem Bauernhof eine Grossfamilie für geistig behinderte Erwachsene. In Zürich und Lausanne absolvierte sie die Ausbildung zur Sozialpädagogin. Danach arbeitete sie mit geistig behinderten und verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen in einer heilpädagogischen Tagesschule in Biel. Später ging sie nach Afrika, wo sie sich für Strassenkinder einsetzte. Zurück in der Schweiz kam sie ins Heim Oberfeld.

Die Anstellung hier war als einjähriges Intermezzo gedacht. «Ich fürchtete, das Rheintal könnte mir auf Dauer zu eng sein», erinnert sich Astrid von Euw. Mittlerweile ist sie 20 Jahre im Heim Oberfeld und hat sich in verschiedenen Berufsdisziplinen aus- und weitergebildet. «Die Arbeit mit den Kindern hier gefällt mir», sagt sie. Sie schätze die gelebte Vielfalt; die Atmosphäre des Heims, «die es Kindern ermöglicht, gesund heranzuwachsen, obwohl sie keine einfache Geschichte zu tragen haben.»

«Ich werde es auf meine Art tun»

Seit sechs Jahren ist Astrid von Euw bereits Stellvertreterin Peter Albertins und nimmt gewisse Leitungsaufgaben wahr. Obwohl sich damit schon länger zumindest die Möglichkeit abgezeichnet hat, dass sie ihn einmal ganz ablösen könnte, habe sie sich den Entscheid zur Zusage nicht leicht gemacht, betont sie. Immerhin sei sie genug lange hier, um die Bedeutung der Aufgabe zu kennen und damit die Tragweite dieses Entscheids. «Es liegt mir aber viel daran, dass die Besonderheit des Heims Oberfeld, der Geist dieses Hauses weitergelebt wird. Ich möchte Peter nicht kopieren, denn das bin und kann ich nicht; ich möchte nicht alles verändern, denn das könnten andere besser …!» Veränderungen will sie gleichwohl nicht ausschliessen: «Gerne würde ich das, was angelegt und gepflegt wurde, weiterentwickeln und den Charme vom <Oberfeld> beibehalten. Ich werde es auf meine Art tun.»