Kleider-Upcycling
Neues Leben für alte Klamotten: Ein Besuch im Nähatelier von Sonja Steiger in Hinterforst

Sonja Steiger verarbeitet in ihrem Nähatelier in Hinterforst scheinbar nutzlos gewordene Textilien zu neuen Kleidern.

Benjamin Schmid
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In ihrem Nähatelier entwirft und produziert Sonja Steiger nachhaltige Unikate.

In ihrem Nähatelier entwirft und produziert Sonja Steiger nachhaltige Unikate.

Bild: Sonja Steiger

«Das Prinzip des textilen Upcyclings praktiziere ich eigentlich schon seit meiner Jugendzeit», sagt die 55-jährige Sonja Steiger. Als sie sich mit 16 Jahren noch nicht für eine Lehrstelle entscheiden konnte, arbeitete sie im darauffolgenden Jahr in einer Näherei als Praktikantin. Dort lernte sie den ganzen Produktionsablauf und all die verschiedenen Industrienähmaschinen kennen und lieben.

«Seither schneidere ich mir einzigartige Klamotten aus allem, was mir unter die Nadel kommt», sagt Sonja Steiger. Aus gebrauchten Materialien wie Kleider, Decken und Stoffresten. Die Mutter zweier Söhne fand diese Arbeit schon immer spannender, als sich neue Kleider von der Stange oder Modestoff zum Nähen zu kaufen.

Lebenszyklus vorhandener Ressourcen verlängern

Sie sei mehr die Macherin denn Shoppingqueen – weshalb sie ihr erlerntes Wissen übers Nähen und Schneidern stetig verfeinerte und ihr Nähatelier über die Jahre ausbaute. Mittlerweile arbeitet sie mit sechs verschiedenen Industrienähmaschinen, um die verschiedenen Materialien professionell verarbeiten zu können.

Sass sie als Familienfrau früher vornehmlich nachts an der Nähmaschine, lebt sie ihre Kreativität seit der Gründung der Modewerkstatt 2015 hauptsächlich tagsüber aus. In ihrem Atelier entwirft und produziert die ehemalige Offsetdruckerin nachhaltige Unikate: Kleidungsstücke, Taschen und Hüte, aber auch Schals, Kissen und Tischsets. «Beim Upcycling werden Abfallprodukte oder scheinbar nutzlose Stoffe zu neuen Produkten verarbeitet», sagt die Hinterforsterin.

Verkleinert den Altkleiderberg

Einerseits könne sie die vorhandenen Textilien auseinandertrennen und im sogenannten Patchworkverfahren zu einem neuen Stoff zusammennähen, um daraus ein Lieblingsstück zu schneidern. Andererseits sei textiles Upcycling auch ein Umgestalten oder Aufwerten von Kleidung. Ausserdem gehöre das Flicken und Ändern von Kleidern und anderem zu einem nachhaltigen Denken, das darüber hinaus zur Abfallvermeidung beitrage. Durch Upcycling nutze sie wertvolle und bereits vorhandene Ressourcen und verlängere deren Lebenszyklus. Es verkleinert den Altkleiderberg, lehrt den Wert von Handarbeit und hat einen gesundheitlichen Vorteil: Die Schadstoffe sind bereits herausgewaschen.

Jegliche Textilien, die es noch wert sind, aufgearbeitet zu werden, verwendet die Modeschöpferin. Das Rohmaterial bekomme sie von Menschen, die ihre Arbeit kennen. Auch finde sie das eine oder andere gute Stück in der Brocki. Wenn sie für den Shop produziert, könne sie aus ihrem Fundus schöpfen und mit ihrer Kreativität verschiedene Kleidungsstücke «retten». Oft kämen Kunden mit ihren «Schrankleichen» zu ihr, um zu besprechen, was sie daraus nähen könnte.

Ihre Kreationen sollen lange getragen werden, weshalb sie bei der Auswahl des Materials genau auf dessen Qualität achte. Ausserdem soll die Farbe zur Person und nicht zur Mode passen. Der Schnitt muss schliesslich bequem sein und sowohl mit der Figur harmonieren als auch für verschiedene Anlässe geeignet sein.

Alternativen zur «Fast Fashion»

Rohstoffe seien begrenzt und unser Konsum verschlinge diese in rasanter Geschwindigkeit. Ein Umdenken sei dringend angezeigt: «Wir kaufen mehr als nötig», sagt Sonja Steiger, «heute besitzen wir etwa viermal so viel Kleidung wie in den 1970er- Jahren und haben in der Summe weniger Geld dafür ausgegeben.» Die Tatsache, dass etwa 80 Prozent des vollen Kleiderschranks nur selten benutzt werde, sei ebenfalls bedenklich. Wenn Mode bedeutet, durch Kleidung die Persönlichkeit eines Menschen zu unterstreichen und nicht zu verfälschen, dann sei Mode in Ordnung. Dann wäre sie auch nicht schnelllebig, denn wer wechsle schon seine Persönlichkeit bis zu 24-mal im Jahr? Sonja Steiger:

«Fast Fashion ist mitverantwortlich für immense Abfallberge, Wasser- und Umweltverschmutzung und sie verletzt Menschenrechte.»

Alternativen seien vorhanden. Man könnte die Kleider flicken, umnähen oder upcyceln.

Nicht jedem Trend zu folgen, zeitlose Kleidung auszuwählen, und allgemein weniger zu kaufen, wären ebenso gute Möglichkeiten, der Umweltverschmutzung in der Modeindustrie Einhalt zu gebieten.

Gemäss Sonja Steiger trage auch der stationäre Handel zu mehr Nachhaltigkeit in der Branche bei. Eine kompetente Beratung helfe bei der Auswahl und der Kombination der Kleider und könne Fehlkäufe vermeiden. «Zweifelsohne nachhaltiger, als fast wahllos online drauflos zu shoppen und dann mehr als die Hälfte wieder zurückzuschicken oder im Schrank verstauben zu lassen», sagt Sonja Steiger.

Funktional, vielseitig und bequem

Zudem müsse sich die Wertschätzung gegenüber Menschen und Umwelt verbessern, meint Steiger. Sie stelle fest, dass viele Menschen während der Coronapandemie gemerkt haben, dass es auch ohne ständiges Shoppen gut gehe. Gesundheit und Wohlbefinden hätten einen höheren Stellenwert bekommen. Das zeichne sich auch in der Wahl der Kleidung ab: «Sie soll funktional, vielseitig einsetzbar und bequem sein», sagt Sonja Steiger, «weniger ist mehr.» Sie wünsche sich, dass die Menschen sich wieder bewusster werden, wie viel Arbeit und Ressourcen in einem Kleidungsstück stecken und auch bereit sind, dies zu honorieren.

Hinweis:
www.modewerkstatt-steiger.ch