«Kirche lebt im Ort und nicht in Rom»

REGION. Seit 40 Jahren ist Albert Kappenthuler mit der Marienburg verbunden. Zuerst als Schüler, dann als Pater und im letzten Jahr als Co-Rektor. Trotz Schliessung des Gymnasiums per Ende Schuljahr und Aussetzung seines Priester-Seins bleibt er Seelsorger – in der Pfarrei Heiden-Rehetobel.

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Albert Kappenthuler übernimmt ab 1. August als Pastoralassistent die Verantwortung für die Pfarrei Heiden-Rehetobel. (Bild: Monika von der Linden)

Albert Kappenthuler übernimmt ab 1. August als Pastoralassistent die Verantwortung für die Pfarrei Heiden-Rehetobel. (Bild: Monika von der Linden)

Albert Kappenthuler, ab 1. August sind Sie verantwortlich für die Pfarrei Heiden-Rehetobel. Warum entschieden Sie sich für diese Stelle?

Albert Kappenthuler: Die Schliessung des Gymnasiums Marienburg ist für mich ein Wendepunkt. Ich entschied mich, nicht in einer anderen Schule, sondern als Seelsorger zu arbeiten. In Heiden-Rehetobel reizt mich die Minderheitssituation der Katholiken von Ausserrhoden. Hier wird Ökumene als Chance verstanden.

Worin sehen Sie eine Chance?

Kappenthuler: Wenn beide Konfessionen miteinander arbeiten, ist das Ausdruck von Vielfalt und nicht von Spaltung.

Werden Sie als Priester wirken?

Kappenthuler: Nein, ich kann nicht als Priester arbeiten, ich werde Pastoralassistent sein.

Wollen Sie nicht mehr Priester sein?

Kappenthuler: Davon kann keine Rede sein. Ich habe nie bereut, das Sakrament der Weihe empfangen zu haben. Dann habe ich eine Partnerin gefunden und bin nun Vater eines knapp siebenjährigen Sohnes. Die Erfahrungen, die ich als Vater mache, sind mein grösstes Glück. Es ist schade und unverständlich, warum ich nicht Priester und Vater sein darf.

Wer verwehrt Ihnen das?

Kappenthuler: In den ersten drei Jahren schwieg ich und versteckte meinen Sohn. Meinen Mitbrüdern vertraute ich mich an. Sie akzeptierten meine Vaterschaft und schützten mich. Dann forderte die Ordensleitung von mir eine Entscheidung. Ich kann nicht offen zu meinem Kind stehen und Priester sein. Wollte ich Priester bleiben, müsste ich lügen.

Hatten Sie keine Existenzangst?

Kappenthuler: Ich trage für meinen Sohn und die Mutter nicht nur finanzielle Verantwortung. Wenn dies auch dem Verständnis der Kirchenoberen entspräche. Der Zwang, eine radikale Entscheidung treffen zu müssen, befreite mich von meinem Doppelleben. Im September 2009 setzte ich mein Priester-Sein aus. Als Lehrer der Marienburg hatte ich keine existenzielle Not.

Dann kam die Not doch?

Kappenthuler: Die dramatische Entwicklung um die Existenz der Marienburg zeichnete sich vor rund zwei Jahren ab. Der Sparbeschluss des Kantonsrates brachte das Fass zum Überlaufen. Ich glaubte, das Ruder herumreissen zu können, sonst hätte ich das Co-Rektorat nicht angetreten. Als der Rettungsversuch scheiterte, begann ich, mir eine Stelle zu suchen.

Bei all der Enttäuschung arbeiten Sie doch weiter in der Kirche?

Kappenthuler: Eine Kirchenkrise bedeutet nicht automatisch eine Glaubenskrise. Ich mache meinen Glauben nicht vom Bodenpersonal Gottes abhängig. Ich möchte den Glauben nicht ohne die Kirche leben. Die einzige Antwort auf Missstände in der Kirche ist, sie mitzugestalten. Wer dies tut, hat meiner Meinung nach eher das Recht, zu kritisieren als ein Aussenstehender. In der Kirche ist bei weitem nicht alles so schlecht, wie oft dargestellt. Damit meine ich die Ortskirchen. Die Kirche lebt im Ort und nicht in Rom.

Sie tragen nun zum verschärften Priestermangel bei.

Kappenthuler: Viele Menschen in den Pfarreien haben sich abgefunden, keinen eigenen Pfarrer mehr zu bekommen. Es ist schlimm, dass gute Seelsorger von der Spendung der Sakramente ausgeschlossen sind, und mich schmerzt es sehr, dazu gezwungen worden zu sein. Ich möchte hier sicher nicht meinen Frust als verhinderter Priester ausleben.

Sie sind enttäuscht und dennoch motiviert?

Kappenthuler: Den Entschluss, Priester zu werden, prägten Seelsorger, die mir Vorbild waren. Sie waren keine abgehobenen Kleriker, und die Weltoffenheit der Steyler Missionare beeindruckte mich. Der Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils äusserste sich so, dass zum Beispiel ein Präses von Blauring und Jungwacht im Leiterteam integriert war. Man lebt auch Kirche, wenn man nicht nur von Gott redet, auch wenn man miteinander ein Zelt aufbaut. Ich glaube, den konziliaren Geist gibt es heute noch. Ich werde viele Aufgaben haben, die mir Freude machen: Religionsunterricht, Diakonie und die Gestaltung von Gottesdiensten. Deshalb werde ich auch im Dorf wohnen.

Hat sich Ihre Einstellung gegenüber Kindern und Eltern mit Ihrer Vaterschaft geändert?

Kappenthuler: Taufgespräche zu führen, ist nicht mehr gleich wie vorher. Mein Mitreden ist anders geworden, weil meine Erfahrungen als Vater mitspielen. Gespräche mit Eltern haben mehr Verbindlichkeit.

Interview: Monika von der Linden