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Kindische Freuden

Garten
Urs Stieger
Dendrobium nobile (Orchidee) auf dem Paternosterbaum. (Bild: Urs Stieger)

Dendrobium nobile (Orchidee) auf dem Paternosterbaum. (Bild: Urs Stieger)

Wir wurden in den letzten Wochen so vom Wetter verwöhnt, dass es vielleicht schwerfällt, sich an weisse Ostern oder schwere Fröste zu erinnern, die Weinbauern in Existenznöte trieben. Ein kleiner Super-8-Film zeigt unsere Kinder vor mehr als 30 Jahren beim Eierwerfen an Ostern. Im Schneegestöber. Der Weisse Sonntag machte auch manchmal seinem Namen alle Ehre. Die einheimischen Pflanzen können ja gut damit umgehen, mindestens die meisten. Kartoffeln, Reben, Tomaten, Nussbäume (schwere Schäden 1953) etc. sind aber eben ursprünglich nicht von hier. Vielleicht kennen sie das andere Extrem inzwischen auch bei uns im Sommer zur Genüge: Tropisch-feuchtes Klima, dass man fast nicht zum Atmen kommt. Wochenlang heiss und «tüppig». Auf Reisen flieht man in ein klimatisiertes Kaufhaus oder Café. Dort erfriert man fast bei gefühlten Wintertemperaturen. Dass diese Kapriolen aber tropische Orchideen mitmachen, ist mir neu.

Geht nicht, meinte ich, und mit mir die Mehrheit der Orchideenbuchautoren. Doch auch nach bald 40 Jahren Orchideenpflege lernt man nicht aus. Auf einem Paternosterbaum (Melia azedarach), den ich geschenkt bekommen habe, ist ein Dendrobium nobile, eine tropische Orchidee angewachsen. Der Baum wurde mit den Zitronen und Mandarinen kalt überwintert, ohne Heizung, aber in einem Wintergarten mit Dreifach-Verglasung und LED-Zusatzlicht. Nie war es frostig, aber manche Nächte im Januar 5° C kalt. Die Orchidee bekam nie Wasser, die Feuchtigkeit war aber trotz Lüftung hoch. Jetzt steht der Zedrachbaum wieder draussen und blüht! Und die Orchidee auch! Und auch der Gärtner im Pensionsalter blüht etwas auf und freut sich kindlich (oder kindisch?) wegen ein paar kleinen, violett-weissen Blumen. Wenn es auch nach Osterpredigt tönt: Diese Blume könnte irgendwie ein Leitbild sein! Niemand rechnet mit ihr, man muss sie auch zwischen den Blättern suchen, die richtige Pflege bekam sie auch nicht, sie ist eher akzeptiert als geliebt, und dann blüht sie! Kein Bild in der Boulevardpresse über das «Wunder von Berneck», niemand steht an, um sie zu sehen und der Vatikan schickt kei­ne Wunder-Überprüfungskommission. Bald ist der Zauber vorbei.

Kennen Sie dies: «Die Ros’ ist ohn warumb, sie blühet weil sie blühet. Sie achtt nicht jhrer selbst, fragt nicht ob man sie sihet.»(Silesius, 1660)

«Jetzt trägt der Stieger wieder dick auf», wird man mir sagen. Aber ohne den berühmten Spruch über das «wieder Kind werden» genau zu zitieren: Wenn ich mich nicht mehr freuen kann über sogenannt banale Dinge, brauche ich eine Harley. Oder sonst eine Krücke.

Dendrobium nobile sei Dank! Soweit bin ich noch nicht.

Urs Stieger

Berneck

www.u-stieger.com

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