Keine Strafe für Open-Air-Bauchef

Die Sturmböen, die den Tod einer Helferin am Open Air Frauenfeld verursachten, waren nicht voraussehbar. Das Bundesgericht bestätigt den Freispruch für den Bauchef durch das Thurgauer Obergericht.

Urs-Peter Inderbitzin
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Nach dem Open Air Frauenfeld 2012 führten mehr als 100 Helfer Aufräumarbeiten auf dem Gelände durch. Am 10. Juli kurz vor 16 Uhr zog ein heftiges Unwetter auf. Rund 20 bis 30 Personen suchten vor dem Sturm Schutz in einem Zelt. Eine Sturmböe riss das Zelt von innen her auseinander und hob es hoch. Die sich darin befindenden Helfer versuchten sich nach draussen zu retten. Kurz darauf hob der Sturm das Zelt vollständig aus seiner Verankerung und blies es weg, wobei Bodenplatten mit einem Eigengewicht von über 500 Kilogramm durch die Luft geschleudert wurden. Eine junge Frau wurde von einer Bodenplatte getroffen. Dabei zog sich die Helferin schwere Verletzungen zu, die zum Tode führten.

Die Staatsanwaltschaft Frauenfeld erhob gegen den Bauchef und gegen den Leiter der Arbeitsgruppe der jungen Frau Anklage wegen fahrlässiger Tötung. Sowohl das Bezirksgericht Frauenfeld als auch das Obergericht des Kantons Thurgau sprachen die beiden Verantwortlichen von Schuld und Strafe frei. Das Obergericht befand, aufgrund der Auswertung der Wetterdaten, der Zeugenaussagen, der Angaben der beiden Beschuldigten sowie des Schadenbildes sei klar, dass der Sturm sehr schnell und nur lokal aufgezogen war. Höchstwahrscheinlich sei es zu örtlich begrenzten, heftigen Fallböen gekommen, die das Zelt auseinandergerissen hätten.

Weder die Wetterdienste noch andere auf dem Open-Air-Areal anwesende Personen hätten mit einem Sturm von derartiger Intensität gerechnet. Der Bauchef habe die heftigen Windböen nicht voraussehen können und müssen, und es sei ihm deshalb nicht anzulasten, dass er die Helfer habe weiterarbeiten lassen. Auch den Einsturz des Zeltes habe er nicht voraussehen können.

Da dem Bauchef somit keine Sorgfaltspflichtverletzung vorzuwerfen war, sprach ihn das Gericht vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei.

Unglückliche Verkettung von Umständen

Eine dagegen von den Angehörigen des Opfers eingereichte Beschwerde hat das Bundesgericht nun abgewiesen. Nach Meinung der Lausanner Richter kommt ein derart rasch aufziehendes Gewitter in der Schweiz nicht allzu häufig vor. Trotz der bestehenden Unwetterwarnung konnte und musste der Bauchef aufgrund seiner Lebenserfahrung und Kenntnisse nicht damit rechnen, dass ein solch aussergewöhnlich heftiger Sturm aufkommt und durch seine Wucht ein Eristoff-Zelt, das selbst grossen Windstärken standzuhalten vermag, aus der Verankerung hebt und schwere Bodenplatten durch die Luft schleudert.

«Dass das Unwetter vom 10. Juli 2012 in Frauenfeld ein Todesopfer forderte, war die Folge einer äusserst unglücklichen Verkettung von Umständen, die so nicht vorhersehbar waren», lautet das Fazit des Lausanner Urteils.

Urteil 6B_114/2016