Keine bösen Stiefmütterchen

Garten

Urs Stieger
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Ackerstiefmütterchen (Zuchtauslese). (Bild: Urs Stieger)

Ackerstiefmütterchen (Zuchtauslese). (Bild: Urs Stieger)

Stiefmütter haben einen schlechten Ruf. Märchen haben die Ansichten über diese Frauen so stark fixiert, dass sich das irgendwie in den Köpfen festgesetzt hat. Übrigens kenne ich nur ein einziges Märchen mit einem bösen Stiefvater: «Der Teufel mit den drei goldenen Haaren».

Dass viele Kinder in den letzten Jahrhunderten Stiefmütter hatten, ist einfach zu erklären. Manche Frauen überlebten das Wochenbett nicht, weil noch zu jung. Der Mann heiratete wieder und hatte, wie es immer wieder vorkam, 16 oder 17 Kinder. Viele von ihnen starben aber schon jung.

Wie aber dieses hübsche Blümchen zu seinem Namen kam, ist ziemlich umstritten und wie in der Volksbotanik üblich, hat man verschiedene Geschichten in den Namen verpackt. Zumindest beweist er, dass die Schöpfer der Namen mit gros­- ser Fantasie Pflanzen betrachtet haben.

Im deutschsprachigen Raum ist die Bedeutung so erklärt: In der Mitte der Blüte vorne sitzt die Stiefmutter. Sie bedeckt teilweise ihre Töchter. Hinter den Töchtern sitzen die armen Stieftöchter, die stiefmütterlich behandelt, kaum mehr Licht bekommen. Ja, sie müssen sich den Platz sogar teilen und sind nicht mehr so prächtig (angezogen) wie Stieftöchter und Stiefmutter.

Sicher ist, dass Stiefmütterchen, die Pflanzen, heute eher stiefmütterlich behandelt werden. Napoleon liebte sie und beschenkte seine verschiedenen Frauen damit. In Frankreich hat sie einen viel nobleren Namen: Pensee, abgeleitet von «pensée». Dort und in England ist sie ein Symbol des Andenkens.

Das kleine Ackerstiefmütterchen und seine Auslesen sind ideale Topfpflanzen. Sie sind so klein, dass man ihre Schönheit aus Stehdistanz eigentlich nicht erfassen kann. Im Topf in der Höhe betrachtet, können sie es an Farbigkeit und Schönheit locker mit den meisten Orchideen aufnehmen. Wenn man sie nach der Blüte zurückschneidet, blühen sie nochmals.

Gartenstiefmütterchen heissen heute noch oft «Dänkeli», «Pensée» oder «Stiefmüeterli». Immer sind es Züchtungen von Viola wittrockiana. Der Name einer der erfolgreichsten Zuchtlinien ist Balsam für Schweizer Seelen: «Schweizer Riesen». Die berühmteste Marke, die noch viele ältere Gärtner kennen, waren die «Roggli-Stiefmütterchen». Die Firma, die in den 70er-Jahren noch Samen für mehr als hundert Millionen Pflanzen pro Jahr produzierte, hat die Zucht eingestellt. Pro Species Rara kümmert sich jetzt um das umfangreiche Zuchterbe.

Das Liebeselixier daraus, über Hunderte Jahre beschrieben, kann man aber auch dort nicht kaufen:

Ihr Saft, geträufelt auf entschlafene Wimpern, macht Mann und Weib in jede Kreatur, die sie zunächst erblicken, toll vergafft. Hol mir das Kraut! (Hamlet)

Draussen im Garten wächst es.

Urs Stieger

Berneck

Der Autor der «Gartenkolumnen» liest und referiert zum Thema am Mittwoch, 7. Juni, um 19.30 Uhr in der Bibliothek Berneck.

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