Kein falsches Signal setzen

Gästebetreuer mit Bauchladen? Vielleicht Präventionsassistenten? Wer wird ab dem Sommer in den Zügen auf der Strecke Chur–St. Gallen für die Passagiere da sein – und was tun?

Gert Bruderer
Merken
Drucken
Teilen
Viele sehen rot, wenn sie sich vorstellen, dass im Rheintal keine Zugbegleiter mehr mitfahren. (Bild: Gert Bruderer)

Viele sehen rot, wenn sie sich vorstellen, dass im Rheintal keine Zugbegleiter mehr mitfahren. (Bild: Gert Bruderer)

RHEINTAL. Dass ab 9. Juni Doppelstockzüge im Rheintal verkehren werden, ist klar. Alles andere nicht. Ein Sicherheitskonzept wird erst erarbeitet, und auf welche Weise sogenannte Gästebetreuer die Leute verpflegen, ist offen. Für die übliche Elvetino-Minibar ist in den neuen Zügen kein Platz. Werden also die Gästebetreuer mit Bauchläden durch die Waggons ziehen? «Warum nicht?», sagt SBB-Mediensprecher Daniele Pallecchi, «wir lassen uns von den Vorschlägen der Interessenten überraschen.» Denkbar sei zum Beispiel auch, dass im Zug eine Art kleines Depot mit geeignetem Behälter eingerichtet sei und der Fahrgast an seinem Platz bedient werde.

Wer löst Probleme?

Geplant ist ein privatisierter Betrieb. Im Rahmen eines einjährigen Pilotprojekts wollen die SBB und die Kantone St. Gallen und Graubünden Gästebetreuer einsetzen, die auch als Ansprechpartner wirken und Fragen beantworten. Billette kontrollieren sie aber nicht. Offen ist, wer sich bei technischen Problemen um diese kümmert und wer einschreitet, wenn es Probleme mit Fahrgästen gibt. Eine von mehreren Möglichkeiten ist der Einsatz von jungen Präventionsassistenten, die den Draht zu Jugendlichen leichter finden und auf Dialog setzen. Im Grossraum Zürich werden Präventionsassistenten versuchsweise schon eingesetzt.

SBB weckten Emotionen

Nachdem die SBB im letzten Jahr ankündigten, auf der Strecke Chur–St. Gallen auf Kondukteure künftig verzichten zu wollen, weckte dies Emotionen. Politiker kritisierten das Vorhaben ebenso wie Gewerkschaftsvertreter. Der damalige Altstätter Stadtpräsident, Kantonsrat Daniel Bühler, richtete eine Anfrage an die Regierung: Er befürchtete einen schlechteren Service und einen Sicherheitsabbau.

Auch die Ständeräte Paul Rechsteiner und Karin Keller-Sutter sowie SEV-Gewerkschaftssekretär Peter Peyer zeigten sich besorgt. Peyer nannte die Bahnlinie Chur–St. Gallen eine «als heikel bekannte Strecke».

«Einige Aggressionen»

Der SEV-Sekretär sagt, das Angebot des öffentlichen Verkehrs für Nachtschwärmer sei im St. Galler Rheintal inzwischen recht gut. Buchs und St. Gallen würden als lokale Zentren entsprechend bedient. Gerade nachts empfehle es sich aber, die Fahrgäste nicht sich selbst zu überlassen. Auch in Randzeiten hätten sich Vorfälle gehäuft, die den Verzicht auf Zugbegleiter als nicht ratsam erscheinen liessen.

Andreas Menet, der den Zugpersonalverband ZPV präsidiert, sagt, in den letzten eineinhalb Jahren sei es zu «einigen Aggressionen» gekommen. Zum Beispiel sei eine Mitarbeiterin bespuckt und mit Bier begossen worden. Die Palette reiche von Beschimpfungen über Bedrohungen bis hin zu Tätlichkeiten. Menet spricht von einem permanenten Problem, weshalb «der Verzicht auf Zugbegleiter ein falsches Signal wäre». Der ZPV-Präsident räumt aber ein: Die negative Entwicklung sei landesweit feststellbar.

Rheintal: «nicht schlechter»

Der SBB-Mediensprecher wiederholt im Laufe des Gesprächs diesen Satz: «Gesellschaftliche Entwicklungen machen vor Zugtüren nicht Halt.» Daniele Pallecchi spricht von Wellenbewegungen und meint: Im Rheintal steht es um die Sicherheit «nicht schlechter als anderswo». Zumal ein sicheres und angenehmes Reisen im Zug «im ureigensten Interesse sowohl der SBB als auch des Kantons» liege, werde derzeit für die Strecke Chur–St. Gallen ein Sicherheitskonzept erarbeitet.

Auch Interessengruppen wie die Gewerkschaften seien einbezogen, spruchreif sei jedoch noch nichts. Klar sei das Ziel: Eine «gute Präsenz von Bahnpersonal in den Zügen».