Kartoffeln gegen den Hunger

Es ist möglicherweise ein kalter Frühlingstag, als am 13. März 1770 der äbtische Obervogt von Rosenberg und Vertreter von Balgach vor dem eidgenössischen Landvogt in Rheineck erscheinen.

Werner Kuster
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Balgach. Der Grund: Die Balgacher verweigern den Kartoffelzehnt an den Abt von St. Gallen.

Die Kartoffel wurde bereits im 16. Jahrhundert von Südamerika nach Europa gebracht. Im Rheintal scheint der Anbau aber erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts intensiviert worden zu sein, wahrscheinlich in und nach der Kälteperiode zwischen 1763 und 1771. Diese Abkühlung führte zu Rheinüberschwemmungen, Missernten und zu einer Hungersnot.

Hungersnöte resultierten damals hauptsächlich aus Mangel an Getreide, das im Rheintal zudem grösstenteils von auswärts bezogen werden musste. In dieser Situation bot sich der Anbau von Kartoffeln an. Die Knollenfrucht war nicht nur ein wertvolles Nahrungsmittel, sondern gedieh auch in feuchten Zeiten. Die Verbreitung der Kartoffel wurde einerseits wegen Vorurteilen der Bevölkerung, andererseits wegen der Zurückhaltung der Obrigkeiten verzögert.

Diese begrüssten zwar die Verbesserung der Eigenversorgung, befürchteten aber einen Rückgang der Getreidezehnten und Getreidepreise. Ein Ausweg bestand in der Ausdehnung des Zehnten auf die neue Ackerfrucht. Genau dies versuchte 1770 der Obervogt von Rosenberg als Vertreter des Balgacher Grundherrn, des Klosters St. Gallen. Er hatte Erfolg.

Immerhin wurden den Balgachern kleine, zehntfreie Landstücke zugestanden, auf denen sie «Erdäpfel» für den «Hausge- brauch» anpflanzen durften. Dieser wichtige Beleg zur Wirtschaftsgeschichte des Rheintals lagert im Ortsgemeinde-Archiv Balgach. Über weitere Funde im Rahmen des Projekts «Rechtsquellen und Geschichte des Rheintals» wird demnächst berichtet.