Karten aus den Ferien

Kommentar Die letzten Augusttage sind merklich kühler geworden, und wir spüren, dass wir vom heissen Spätsommer langsam in den frühen Herbst hineinkommen.

Alfred Gugolz, Pfarrer In Oberriet
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Über der Maggia balanciert ein Mann über ein Seil. Er sucht wohl ein Abenteuer, das ihm der Alltag nicht erlaubt. Er erreicht das Ziel. (Bild: Alfred Gugolz)

Über der Maggia balanciert ein Mann über ein Seil. Er sucht wohl ein Abenteuer, das ihm der Alltag nicht erlaubt. Er erreicht das Ziel. (Bild: Alfred Gugolz)

Kommentar

Die letzten Augusttage sind merklich kühler geworden, und wir spüren, dass wir vom heissen Spätsommer langsam in den frühen Herbst hineinkommen.

Auch die Ferienzeit ist bei vielen in den Betrieben, in der Schule zu Ende gegangen. Auf meinem Schreibtisch liegen eine Menge Grusskarten, die uns von Freunden und Bekannten aus dem Urlaub geschickt wurden.

Wie gibt es doch auf er ganzen Welt so schöne Ansichtskarten, mit herrlichen Meeresstränden oder Flussläufen mit sauberem, türkisfarbigen, bis zum Grund durchsichtigen Wasser, viele umsäumt von Palmen und nochmals Palmen. Oder da waren Karten von einer Reise ans Nordkap mit umwerfender Fjord- und Berglandschaft, aus der Schweiz, dem Tessin, Wallis, Berner Oberland. Diesmal bekamen wir auch Karten mit sinnvollen, aufmunternden Sprüchen, die über die Ferienzeit in den Alltag gehen.

Mit meiner Familie verbrachte ich ein paar Tage im Tessin, wo ich mit meinem ältesten Sohn letzte Woche eine Velotour an die Maggia unternahm. Klares, aber sehr kaltes Wasser erwartete uns. Wie staunten wir, dort einen jungen Mann zu sehen, der auf einem an den Felsen befestigten Seil über den Fluss tanzte. Ein paar Mal drohte er, das Gleichgewicht zu verlieren und ins kalte Nass oder auf die Felsen zu stürzen. Aber er schaffte es.

Viele brauchen in den Ferien einen Nervenkitzel, ein Abenteuer, das ihnen der Alltag oft nicht erlaubt. Oder sie wollen einfach ihr Können zeigen. Aus einigen Feriengebieten erreichen uns praktisch keine Ansichtskarten mehr, wie aus Ägypten, den Ländern des Nahen Ostens. Der Weltfrieden gleicht momentan auch so einem Seiltanz. Die Bilder, die uns aus den Medien erreichen, passen schlecht zu den Ferien, sie zeigen ein düsteres Szenario, die Hartnäckigkeit der Fundamentalisten in Ägypten oder Giftgasangriffe in Syrien, auch auf Zivilisten und sogar Kinder. Die Schrecklichkeit des Bürgerkrieges ist präsent und droht zu eskalieren. Das alles lässt uns nicht kalt.

Vor mir liegt das Markusevangelium, offen bei der Geschichte mit dem Schriftgelehrten (Kap. 12), der Jesus fragt: «Welches ist das erste Gebot unter allen?» Er antwortet: «Du sollst Gott lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Denken und aus deiner ganzen Kraft. Und das zweite (ihm gleich) ist dieses. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist weit mehr als das Einhalten von überholten kultischen Gesetzen.» Es ist ein Zeugnis gegen den menschenverachtenden Fundamentalismus.

So hat mich auch die Karte eines Freundes gefreut, und das Zitat darauf geht in die gleiche Richtung: «Frage dich in jeder schwierigen Situation: Was würde der stärkste, mutigste, liebevollste Teil meiner Persönlichkeit jetzt tun? Und dann tue es, tue es richtig und zwar sofort!»