«Jugend ist nicht potenziell gewalttätig»

ALTSTÄTTEN. Unsere Gesellschaft neige etwas zum Youth-Bashing, zum Auf-der-Jugend-Herumhacken, meinte Allan Guggenbühl gestern in Altstätten. Der Experte in Fragen zur Jugendgewalt warnt vor Überreaktion.

Max Tinner
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Allan Guggenbühl Psychologe

Allan Guggenbühl Psychologe

In den letzten paar Jahren häuften sich in Altstätten die Gewaltfälle: Es gab Raubüberfälle, Leute wurden niedergeschlagen. Die Taten werden jungen Erwachsenen zugeschrieben. Eine vom Stadtrat eingesetzte Arbeitsgruppe Innere Sicherheit, Ruhe und Ordnung soll das Problem angehen. Rat erhoffte man sich von Allan Guggenbühl, der gestern im Sonnensaal über Jugendgewalt sprach.

Die Mehrheit ist friedlich

Guggenbühl ist Leiter der Abteilung für Gruppenpsychotherapie für Kinder und Jugendliche an der kantonalen Erziehungsberatung der Stadt Bern und des Instituts für Konfliktmanagement und Mythodrama. Meldungen wie jene über die Vorfälle in Altstätten erschreckten einen. Guggenbühl warnt jedoch vor Verallgemeinerungen.

Man dürfe die Jugendlichen nicht generell als potenzielle Gewalttäter ansehen, «die Mehrheit ist es nämlich nicht». Man neige etwas zum Youth-Bashing, zum Auf-der-Jugend-Herumhacken. Dies sei umso mehr so, je geringer der Anteil der Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung sei. In einer demographisch älteren Gesellschaft würden Jugendliche, die Probleme machten, viel mehr auffallen.

Umgekehrt sei es für die Jugendlichen in einer solchen Gesellschaft viel schwieriger, sich in ihr zu finden.

Eine Strafe muss noch Strafe sein

Wenn denn Jugendliche Probleme bereiteten, liege es oft daran, dass sie sich mit Gewalt gegenüber der Elterngeneration abzugrenzen versuchten. Gewalt sei dann Ausdruck einer Grenzüberschreitung, eines Tabubruchs.

Das sei typisch für dieses Alter – und meist würden die Jugendlichen auch eine Reaktion erwarten und seien geradezu enttäuscht, wenn diese nicht eintrete. Allan Guggenbühl sprach sich denn auch gegen eine zu lasche Bestrafung aus. «Eine Strafe muss noch eine Strafe sein.»

Die Berufslehre hilft

Auffallend sei, dass die meisten der auffällig gewordenen Jugendlichen, mit denen er es zu tun bekomme, sagten, dass sie eigentlich gegen Gewalt seien.

Mit sieben von zehn dieser Jugendlichen, die an sich schon eine Minderheit darstellten, finde sich denn auch ein Weg, sie in die Gesellschaft zu integrieren. Als besonders wertvoll für die Integration erachtet Guggenbühl die Lehre. Eine weitere Akademisierung der Berufsbildung würde er darum bedauern. Lediglich dreien mit effektiver krimineller Energie könne man nicht helfen.

Früher war es viel schlimmer

Die ganze Diskussion um Jugendgewalt ist für Allan Guggenbühl nicht zuletzt ein Wahrnehmungsproblem. «Wir leben heute in einer der friedlichsten Gesellschaften, die es überhaupt je gegeben hat», meinte er. Noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts sei es in Städten wie Zürich ratsam gewesen, samstagabends oder zum Monatsende, wenn die Löhne ausbezahlt worden seien, nicht auszugehen. Denn dann riskierte man, in eine Wirtshausprügelei zu geraten. Problematisch werde es denn auch heute besonders, wenn Alkohol im Spiel sei.

Es gelte nun einen Mittelweg zwischen Hysterie und Untertreibung zu finden, sagte Guggenbühl. Man dürfe nicht Massnahmen einfach aufgrund vorgefasster Meinungen treffen. Wenn es Probleme gebe, müsse man diese sauber analysieren. Wenn man den öffentlichen Raum sicherer machen wolle, müsse man ihm Sorge tragen, rät er Altstätten. Öffentliche Plätze seien aufgeräumt und belebt zu halten.