«Jeder verdient eine zweite Chance»

Der gebürtige Lüchinger Franz Gschwend hätte Sattler werden sollen, wie sein Vater. Stattdessen lernte er Gemüsegärtner. Heute gehört ihm und seiner Familie der Gemüsegrosshandel Ecco Jäger. Seit Juni ist er Gemeindepräsident von Laax.

Mirjam Fassold
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Franz Gschwend ist in Lüchingen aufgewachsen. Heute ist der 58-Jährige zusammen mit seiner Familie Eigentümer des Gemüsegrosshandels Ecco Jäger Früchte und Gemüse AG in Bad Ragaz und der Filiale Selva Gemüse in Laax. Im romanischsprachigen Laax, wo er wohnt, ist er seit Juni auch Gemeindepräsident. (Bild: Tatjana Schnalzger)

Franz Gschwend ist in Lüchingen aufgewachsen. Heute ist der 58-Jährige zusammen mit seiner Familie Eigentümer des Gemüsegrosshandels Ecco Jäger Früchte und Gemüse AG in Bad Ragaz und der Filiale Selva Gemüse in Laax. Im romanischsprachigen Laax, wo er wohnt, ist er seit Juni auch Gemeindepräsident. (Bild: Tatjana Schnalzger)

Herr Gschwend, was gefällt Ihnen an sich selbst besonders gut?

Franz Gschwend: Ich bin nicht nachtragend, aber direkt. Wenn mich etwas stört, sage ich das; danach ist es für mich erledigt.

Was würden Sie gerne an sich ändern?

Gschwend: Manchmal hätte ich gerne etwas mehr Geduld. Vor allem mit mir selbst.

Schenken Sie uns eine Lebensweisheit.

Gschwend: Man sollte sich selbst nicht so wichtig nehmen. Und: Von Problemen darf man erst dann sprechen, wenn sie nicht lösbar sind – sonst sind das nur Herausforderungen.

Worüber können Sie lachen?

Über mich selbst. Häufig sogar.

Gibt es einen Satz, den Sie hassen?

Gschwend: «Geht nicht.»

Als Kind wollten Sie sein wie … ?

Gschwend: Ich wollte vor allem stärker sein. Ich war der Zweitjüngste von sieben Geschwistern und hatte das Pech, dass all meine Geschwister hochintelligent und in der Schule sehr gut gewesen sind. Als Bub hatte ich gesundheitliche Probleme und war deshalb auch körperlich immer etwas «in Verzug».

Auf welche eigene Leistung sind Sie besonders stolz?

Gschwend: Auf das Geschäft, wie es heute dasteht; die Vielfältigkeit und dass es nach wie vor ein Familienbetrieb ist – zwei meiner drei Söhne arbeiten mit bzw. haben die Nachfolge übernommen. Ohne dass ich einen gedrängt hätte, einzusteigen. Wir haben geschafft, wovon viele reden – die Nachfolge ist sauber geregelt und funktioniert. Darauf bin ich doch ein wenig stolz.

Was ist für Sie eine Versuchung?

Gschwend: Frauen (lacht). Ernsthaft, eine Versuchung ist für mich jeweils, zu viel auf einmal anzugehen. Wenn ich durch Laax oder durch den Betrieb gehe, habe ich sehr viele Ideen und will dann versuchen, diese Dinge auch zu verwirklichen.

Welches politische Projekt würden Sie beschleunigt wissen wollen?

Gschwend: Wir stehen in Laax vor der Herausforderung, dass sich der Ortsteil Murschetg sehr schön entwickelt; Laax Dorf mit dem wunderschönen Laaxersee dagegen steht etwas konzeptlos da. Da möchte ich etwas umsetzen – das verschlafene Dorf, das man ursprünglich einmal gewollt hat, ist jetzt sehr ruhig, zu ruhig geworden. Da müssen wir Gegensteuer geben.

Wer oder was wären Sie gerne einen Tag lang?

Gschwend: Ich bin zufrieden mit dem, was ich bin.

Was sagt man Ihnen nach?

Gschwend: Ich kann in Verhandlungen sehr hart, sogar gefühllos sein. Aber das ist im Gemüsegeschäft so – mit den kleinen Margen, wo Rappenbeträge über Gewinn oder Verlust entscheiden, muss man sehr hart verhandeln.

Ihre Idealvorstellung von Glück?

Gschwend: Gesundheit und ein familiäres Umfeld, das nicht immer himmelhoch jauchzend, aber doch stimmig sein muss. Und Toleranz.

Ihr wertvollster Besitz?

Gschwend: Sicher nichts Materielles – das sagt mir nämlich nichts. Wirklich wertvoll sind für mich Familie und Gesundheit.

Ihr eindrücklichstes Erlebnis?

Gschwend: Unsere Unternehmung beschäftigt rund 60 Personen und wir haben eine sehr durchmischte Kultur in diesem Betrieb – verschiedene Nationalitäten und auch Menschen, die sozial ganz unten stehen. Wir geben auch Menschen eine Chance, die sie anderswo vielleicht nicht erhalten würden. Weil ich glaube, dass jeder eine zweite oder auch dritte Chance verdient hat und Menschen sich ändern können. Wenn wir so jemanden auf die Bahn bringen, ihm helfen, einen Sinn im Leben zu finden, das ist eindrücklich – und bereitet wirklich Freude.

Ihre härteste Lebensschule?

Gschwend: Meine Mutter starb, als ich 141/2 Jahre alt und im ersten Lehrjahr war. Sie war für mich das wichtigste Bindeglied und die Stärkste in der Familie. Sie hat mir sehr gefehlt. Ihr habe ich zu verdanken, dass ich Gemüsegärtner lernen durfte; eigentlich hätte ich Sattler werden sollen, wie der Vater.

Wofür geben Sie ohne schlechtes Gewissen Geld aus?

Gschwend: Essen, Trinken … und wenn mir etwas gefällt, kaufe ich es mir ohne schlechtes Gewissen. Ich arbeite sieben Tage die Woche, nehme mir einen normalen Lohn aus der Firma heraus; wenn ich etwas sehe, das ich haben möchte, leiste ich es mir.

Wie haben Sie Ihren ersten Lohn ausgegeben?

Gschwend: Ich habe meinen Oberstift in Wädenswil ins «Du Lac» eingeladen. Danach musste ich für den Rest des Monats Familienschoggi essen, weil ich kein Geld mehr hatte (lacht). Drei Stangen Bier und zwei Forellen – danach hatte ich keinen müden Rappen mehr.

Wenn Sie an das Rheintal denken, sehen Sie …?

Gschwend: Dann ist ein Heimatgefühl da. Ich bin in Lüchingen bei Altstätten aufgewachsen.

Auf wen oder was können Sie am ehesten verzichten?

Gschwend: Titel sagen mir nicht allzu viel. Ich kann nicht verstehen, wenn man sich auf Titel etwas einbildet – man war im richtigen Moment am richtigen Ort und hat vielleicht noch etwas Glück gehabt, deshalb ist man zu dem geworden, was man ist. Sich darauf etwas einzubilden, ist für mich fast ein wenig verwerflich.

Was bringt Sie ins Schwitzen?

Gschwend: Menschen, die nicht auf den Punkt kommen. Menschen, die unvorbereitet sind. Unpünktlichkeit. Das vertrage ich nicht. Das ist für mich eine Disziplin, die dazu gehört. Das hat auch mit Anstand zu tun.

Ihr Lieblingsort?

Gschwend: Fast ein wenig kitschig, wenn ich jetzt Laax sage – aber es ist Laax!

Nehmen wir an, H. G. Wells Zeitmaschine gäbe es wirklich. In welche Zeit würden Sie reisen und was würden Sie dort tun?

Gschwend: Ich ginge zurück in die Vergangenheit, aber nicht allzu weit, und würde in der Landwirtschaft arbeiten, um zu beweisen, dass man in der Schweiz auch ohne Subventionen Landwirtschaft betreiben kann.

Ein Trend, der unterschätzt wird?

Gschwend: Umweltschutz. Tourismus ist eines der Hauptthemen der Schweizer Wirtschaft. Wir reden vom Euro und dergleichen, aber der wichtigste Faktor in den Bergen ist das Wetter – und das können wir nicht machen. Oder nur indirekt, indem wir der Umwelt Sorge tragen. Das wird ein wenig unterschätzt.

Ihr Ausgleich?

Gschwend: In gemütlicher Runde mit Kollegen und Bekannten zusammensitzen und diskutieren. Aber nicht verpflichtend – ich bin kein Vereinsmensch, bin deshalb auch nicht in Clubs oder einer Partei.

Welches Talent besässen Sie gerne?

Gschwend: Ich wäre gerne ein guter Redner. Ich rede gerne frei, wenn es aber um fachliche Details geht, bin ich gezwungen, Hochdeutsch zu sprechen und brauche Spickzettel. Dabei verkaufe ich mich viel besser, wenn ich frei sprechen kann.

Welchen Beruf hätten Sie gerne ausgeübt?

Gschwend: Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich mache. Heute ist nicht mehr entscheidend, welchen Beruf man lernt, sondern was man daraus macht. Ich habe nur neun Jahre als Gemüsegärtner gearbeitet, bin dann sehr rasch in den Handel gewechselt.

Was ist Ihr Beitrag zum Umweltschutz?

Gschwend: Den leisten wir täglich im Betrieb. Die Kommissionierung, die Planung der Fahrten ist gelebter Umweltschutz – natürlich achten wir auch aus finanziellen Interessen darauf, möglichst keine Leerfahrten zu haben. Seit dem Umbau heizen wir das ganze Haus mittels Wärmerückgewinnung der Kälteanlagen, dafür haben wir 1,5 Mio. Franken investiert.

Was empfinden Sie als stillos?

Gschwend: Andere blosszustellen und auf ihren Schwächen herumzureiten. Erst recht, wenn, das vor Publikum passiert. Das macht mich richtig sauer!

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