Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Hermann Hesse, ein begnadeter Schriftsteller und Dichter, hat viele sinnreiche Gedichte und Romane geschrieben. Nicht wenige werden in der Schule bearbeitet.

Jürgen Kaesler, Pastoralassistent In Rüthi
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Wer einen Anfang wagen möchte, muss gleichzeitig Vergangenes, Vertrautes und auch Sicherheit und Geborgenheit hinter sich lassen. (Bild: Shutterstock)

Wer einen Anfang wagen möchte, muss gleichzeitig Vergangenes, Vertrautes und auch Sicherheit und Geborgenheit hinter sich lassen. (Bild: Shutterstock)

Hermann Hesse, ein begnadeter Schriftsteller und Dichter, hat viele sinnreiche Gedichte und Romane geschrieben. Nicht wenige werden in der Schule bearbeitet. Vielleicht konnten Sie in der Schulzeit mit dem «Stufen»-Gedicht von ihm etwas anfangen? Das beschreibt den Anfang, zum Beispiel den Anfang eines Jahres, in einem ganzheitlichen Zusammenhang.

«Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.» – An diesen Satz von Herrmann Hesse musste ich denken, als ich sie sah. Eliane – ich nenne sie mal zur Anonymisierung so – kündigte ihren sicheren Job bei einer Schweizer Bank, dann ihre Wohnung, stellte ihre Sachen bei ihrer Mutter unter und machte sich auf eine Weltreise. Sie wollte ein neues Leben anfangen. Diese Reise sollte ihr helfen, es zu finden. Ich zweifelte und konnte es erst gar nicht glauben. Geht das – so radikal neu anfangen?

Manche haben gar nicht die Wahl und müssen neu anfangen. Zum Beispiel: Wenn der liebste Mensch, den sie hatten, gestorben ist oder wenn er betrogen hat. Wenn der Job weg ist. Dann ist man unwiderruflich an einem Ende. Man muss dann neu anfangen und denkt wahrscheinlich, man wäre der einzige Mensch auf der Welt, dem es so geht. Dem ist nicht so.

Es braucht nicht mal ein offenes Ohr, um festzustellen, dass viele solche Erlebnisse haben. Es genügt, wenn man die Bibel aufschlägt. Die Bibel ist voller Anfängerinnen und Anfänger. Es sind dort nicht Weltenbummler wie Eliane. Aber es sind Leute mit einem Bruch in der Lebenslinie. Die Jünger Jesu geben alle ihre Berufe auf, verlassen ihre Familien, um mit Jesus durchs Land zu ziehen. Man möchte gar nicht an die Familiendramen denken!

Ein anderes Beispiel ist der Oberzöllner Zachäus. Er beendet seine berufsmässige Abzieherei und gibt sein Vermögen an jene zurück, von denen er es genommen hatte. Was hat ihn verändert und verzaubert und Eliane und all die anderen?

Es war wohl das Erwachen einer Sehnsucht nach einem wirklichen, einem erfüllten Leben. «Ich bin gekommen, dass ihr das Leben habt, und zwar in Fülle.» So heisst es im Johannesevangelium (Joh 10, 10). Dein Leben verläuft nicht zufällig, sondern hat ein Ziel. Gott hat etwas mit dir vor. Du kannst es spüren, wenn Du hinhörst. Es ist doch schon da. In deiner Sehnsucht wartet es darauf, dass du es wahr machst.

Eliane, die Weltenbummlerin, die ihren Bankjob an den Nagel hängte, schreibt zu den Festtagen von ihrer Weltreise: jeden Morgen zündet sie eine Kerze an und betet. Und am Ende begleitet sie auf ihrer Sehnsuchts-Reise immer dasselbe: «Danke Gott, für alles, was ich gestern gesehen habe. Du allein weisst, was heute dran ist. Zeig mir nur den einen Schritt, den ich zu gehen habe. Danke, dass du da bist.»

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, nicht nur auf Sehnsuchts-Reisen, sondern in unserem Alltag, in dem manchmal Sehnsuchts-Momente verloren gehen. Doch gerade diesen Zauber wünsche ich uns allen, den Zauber, der uns beschützt und der uns hilft zu leben. Den Zauber für den Alltag, der ausstrahlt in den Festtag.

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