Integriert statt traumatisiert

Seit August leben in der «Marienburg» Flüchtlinge, vornehmlich aus Syrien – abgelegen, und für die Bevölkerung fast unsichtbar. Am Donnerstag informierten die Verantwortlichen im Thaler «Ochsen» über ihre Arbeit mit den Flüchtlingen.

Corina Tobler
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THAL. «Wir haben keinen Tag der offenen Tür gemacht, weil es Menschen sind, die in der Marienburg leben. Die stellen wir nicht aus. Ich versuche aber heute, die Tür doch etwas aufzumachen», sagt Michael Forster, Projektverantwortlicher in der Marienburg, einleitend. Das Interesse der Bevölkerung am Pilotprojekt des Bundes ist nach wie vor gross, 60 Interessierte sind an den Informationsabend gekommen.

Trauma-Behandlung wirkt

Noch bis Ende Jahr dient das ehemalige Internat auf Thaler Boden als Flüchtlingszentrum – in dem der Fokus auf beschleunigter Integration und sofortiger medizinischer Behandlung liegt. Michael Forster zeigt erstmals Bilder aus dem Alltag und zieht eine erste Bilanz. «Insbesondere vom Zustand der Kinder sind wir überfahren worden. Sie sind seelisch verwahrlost, suchen permanent Geborgenheit. Ein Mädchen etwa sass in der Schule den ganzen Morgen neben mir. Es weinte. Schliesslich legte ich ihm einfach die Hand auf die Schulter. Die Tränen versiegten und seit diesem Tag kommt es immer strahlend zu mir, wenn es mich sieht», erzählt Forster.

Auf den Zustand der Kinder reagierte man, indem das Pensum des Psychotherapeuten aufgestockt wurde, der anfangs für den Gestaltungsunterricht angestellt war. Die Marienburg setzt generell einen Schwerpunkt auf Psychotraumatologie – eine Neuheit. Roger Hochreutener, Geschäftsführer der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidenten (VSGP), die für die Flüchtlingsbetreuung zuständig ist, betont, die Behandlung habe sehr gut angeschlagen. «Alle Erwachsenen haben nahe Angehörige verloren, einige wurden gefoltert, angeschossen oder vergewaltigt. Diese Traumata konnten sie mit den Psychiatern aus Ägypten sofort und in ihrer Muttersprache angehen.» Die Flüchtlinge brauchten bisher beim Verlassen der Marienburg keine intensive psychiatrische Betreuung mehr, sondern konnten ambulant behandelt werden.

Sprachlicher Grundstock ist da

Um die Marienburg verlassen und in einer der 77 St. Galler Gemeinden wohnen zu können, müssen die Flüchtlinge nicht nur gesundheitlich stabil sein, sondern sich auch sprachlich und sozial zurechtfinden. Wichtig ist daher die Schule, mit Schwerpunkt auf Deutschunterricht. Die Erwachsenen lernen geschlechtergetrennt und seit Ankunft der zweiten Flüchtlingsgruppe im Oktober auf zwei Niveaus. Die Kinder sind dem Kindergarten, der gemischten Unter- und Mittelstufe oder der Mittel-Oberstufe zugeteilt. Erste Rückmeldungen zu den bereits eingeschulten Kindern sind laut Michael Forster positiv.

Oberstufenlehrerin Claudia Kugler aus Staad unterrichtet in der Marienburg: «Die Kinder machen rasch Fortschritte. Natürlich fehlt ihnen oft noch die Grammatik, aber wenn sie gehen, können sie Fragen stellen und beantworten und etwas erzählen. Damit ist der Grundstock da.» Perfektes Deutsch, doppelt Michael Forster nach, könne nicht das Ziel sein in sechs Monaten. «Wir müssen die Kinder für die Schule sozialisieren.»

Die rege Beteiligung an der Fragerunde zeugt davon, dass das Flüchtlingszentrum die Bevölkerung beschäftigt. Ein Rheinecker fragt, ob man nicht die Hilfe vor Ort forcieren sollte, um den Flüchtlingsstrom in die Schweiz zu mindern. VSGP-Präsident Beat Tinner, der sich zuvor für die Neustrukturierung und Beschleunigung des Asylverfahrens einsetzte, bejaht: «Wir werden verstärkt die Projekte vor Ort fördern müssen.»

Mehrere Fragen betreffen die Finanzen – ein Mann fragt nach den Kosten für die Gemeinden; eine Frau will wissen, ob es eine Kosten-Nutzen-Rechnung gebe. Nein, antwortet Roger Hochreutener auf Letzteres und führt aus: «Wir investieren vor allem, um keinen Schaden zu generieren, nicht um Profit zu machen. Wenn man den Leuten bei ihrer Ankunft nicht hilft, beziehen sie bis zum Rentenalter Sozialhilfe.»

«Wo sind die Christen?»

Erneut zur Sprache kommt das Thema Religion, das schon am Infoabend im August bewegte. Ein Thaler Votant wählt deutliche Worte. «Ich kenne Syrien sehr gut, und 40 Prozent der Syrer sind Christen. In der Marienburg sind aber nur Moslems. Wo sind die Christen? Für sie wird nämlich keineswegs in Syriens Klöstern gesorgt, sie sind auch in Flüchtlingslagern.» Es ist eine Frage, die auch die Nonnen bewegt, die in der Marienburg leben. VSGP-Präsident Beat Tinner sagt: «Ich habe an einer Besprechung beim Bund nachgefragt, aber keine schlüssige Antwort bekommen. Spätestens in der Schlussbesprechung wird es wieder Thema sein.»

Klare Antworten gibt's auf die Frage nach der Herkunft zusätzlicher Flüchtlinge, die derzeit in der Marienburg leben – eine somalische und eine afghanische Familie. «Wir hatten Platz im Haus und haben eine ethnische Durchmischung angestrebt. Der Betrieb ist dadurch viel ruhiger geworden», sagt Michael Forster. • OSTSCHWEIZ 23