Ins kalte Wasser geworfen

Seit Anfang Mai führt Vizepräsidentin Margrit Wellinger die Gemeinde Berneck. Nun hat sie der Gemeinderat mit einem 30-Prozent-Pensum angestellt. Somit ist bis zur Ersatzwahl die Gemeindeführung sichergestellt.

Monika von der Linden
Merken
Drucken
Teilen
Als erste Vizepräsidentin ist Margrit Wellinger die Stellvertreterin des Gemeindepräsidenten. Bis Ende Jahr ist sie mit einem 30-Prozent-Pensum angestellt, damit die Gemeinde nicht führungslos ist. (Bild: Monika von der Linden)

Als erste Vizepräsidentin ist Margrit Wellinger die Stellvertreterin des Gemeindepräsidenten. Bis Ende Jahr ist sie mit einem 30-Prozent-Pensum angestellt, damit die Gemeinde nicht führungslos ist. (Bild: Monika von der Linden)

Margrit Wellinger, seit sieben Wochen stehen Sie der Gemeinde Berneck vor und vertreten den noch immer in U-Haft sitzenden Gemeindepräsidenten. Wie erging es Ihnen Anfang Mai?

Margrit Wellinger: Von einem Tag auf den anderen musste ich die Verantwortung übernehmen. Ich fühlte mich, als hätte man mich ins kalte Wasser geworfen. Es gab keine ordentliche Übergabe und ich war nicht auf die Arbeiten und Aufgaben vorbereitet.

Versetzte Sie das kalte Wasser in eine Schockstarre?

Wellinger: Schockiert hatte mich die Nachricht von Andreas Zellwegers Verhaftung. Erstarrt war ich nicht. Dazu hatte ich keine Zeit. Die Führung der Gemeinde musste sofort sichergestellt werden. Das gewährleisten der Gemeinderat, der Ratschreiber und ich.

Sie waren schockiert. Wie erging es den Mitarbeitenden und wie standen sie Ihnen bei?

Wellinger: Wir boten eine Fachperson auf und ermöglichten den Mitarbeitenden eine Gesprächs-Begleitung. Einige nutzten sie.

Sie sind mit einem 70-Prozent-Pensum berufstätig. Wie bringen Sie alles unter einen Hut?

Wellinger: Ich habe mich sehr gut organisiert und meine Freizeit stark eingeschränkt.

Hatten Sie zwischenzeitlich Angst, das Wasser könnte Ihnen bis zum Hals gelangen?

Wellinger: Nein, diese Angst hatte ich nicht. Ich stand nie alleine. Im Rat stützen wir uns gegenseitig und haben die Aufgaben aufgeteilt. Immerhin bin ich seit 15 Jahren Gemeinderätin und seit elf Jahren Vizepräsidentin.

Und Ihre Gemeinderatskollegen, sind sie den zusätzlichen Aufgaben gewachsen?

Wellinger: Sie sind sicher alle mehr gefordert als sonst, aber nicht überfordert. Wir halten gut zusammen, sind nicht zerstritten und einigen uns immer.

Vermissen Sie im Rat die Erfahrung und das Wissen des Präsidenten?

Wellinger: Andreas Zellweger war eingearbeitet. Er kennt sich mit vielen Geschäften aus und fehlt jetzt natürlich. Teilweise fanden wir die Unterlagen nicht auf Anhieb, wussten nicht, an welchen Orten er was abgelegt hatte. Das war aufgrund der fehlenden Übergabe unvermeidbar.

Stehen Sie mit ihm in Kontakt?

Wellinger: Wir stehen in brieflichem Kontakt.

Am Donnerstag gab der Gemeinderat bekannt, dass Sie rückwirkend auf den 1. Juni zu 30 Prozent angestellt sind. Warum ist die Anstellung bis zum 31. Dezember befristet?

Wellinger: Am 29. November ist die Ersatzwahl für das Präsidium. Ein allfälliger zweiter Wahlgang wäre am 28. Januar 2016. Ende Dezember könnte die Nachfolge also schon feststehen. Deshalb endet meine Anstellung vorerst zum Jahresende.

Warum kam es zur Anstellung?

Wellinger: Sie gibt dem Rat, den Bürgern und mir Sicherheit. Der Ablauf der wichtigsten Arbeiten ist sichergestellt und die Bürger wissen, bei Bedarf können sie am Nachmittag einen Termin mit mir vereinbaren.

Wie bringen Sie Gemeindeleitung und Job in Einklang?

Wellinger: Mein Arbeitgeber ist grosszügig. Er gesteht mir die Flexibilität zu, die in dieser Ausnahmesituation nötig ist. Ich muss mein Pensum aber erfüllen.

Spielen Sie mit dem Gedanken, im November zu kandidieren?

Wellinger: Das werde ich mir gut überlegen. Erst einmal konzentriere ich mich auf die jetzigen Aufgaben.

Welche Temperatur hat das anfangs kalte Wasser nun?

Wellinger: Es ist etwas wärmer geworden. Ich fühle mich wohl und sicher. Ich hoffe nur, dass es nicht zu heiss wird.

Wann wäre das Wasser zu heiss?

Wellinger: Wenn die Bürger unzufrieden wären oder Reklamationen kämen.

Müssen Sie demnächst wichtige Entscheidungen fällen?

Wellinger: Der Bau der Neugasse ist wie geplant vergangene Woche gestartet. Nächste Woche steht der Entscheid über einen Beitritt zum Wasserwerk Mittelrheintal an. Und wir werden ein neues Wasserreglement ausarbeiten. Die Projekte waren alle aufgegleist, wir haben keines auf Eis gelegt. Am Donnerstag durfte ich einen schönen Erfolg verbuchen. Im Alters- und Pflegeheim Städtli gab es ein Audit. Wir erfüllen alle Anforderungen und Richtlinien und haben es bestanden. Ich bin stolz, dass das gerade jetzt so gut gelaufen ist.