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«In New York darfst du schwach sein»

Patricia Mattle ist politisch ambitioniert. Auf den Sitz im Kantonsrat verzichtete sie aber zugunsten eines Jobs in New York. Seit März ist sie zurück in der Schweiz. Es war wieder der Job, der sie nach Zürich lockte.
Monika von der Linden
Patricia Mattle schätzt den Blick von der Terrasse ihres Elternhauses in Altstätten nach ihrer Rückkehr aus New York. (Bild: Monika von der Linden)

Patricia Mattle schätzt den Blick von der Terrasse ihres Elternhauses in Altstätten nach ihrer Rückkehr aus New York. (Bild: Monika von der Linden)

Patricia Mattle lässt vom Sitzplatz ihres Elternhauses ihren Blick über Altstätten schweifen. Seit März ist sie wieder im Land. Vor sechs Jahren hatte sie die Schweiz verlassen, lebte und arbeitete zunächst drei Jahre lang in Paris und zuletzt in New York.

Den Besuch der Tochter – und der Reporterin – versüsst die Mutter des Hauses mit einem selbst gebackenen Kuchen. Sein Gout ist Patricia Mattle vertraut. Er ist ein Symbol ihrer Heimat. Eine Heimat, die sie im Ausland vermisst hat und mit der sie stärker als zuvor verbunden ist.

Das duftende Gebäck weckt Emotionen. Die Rückkehrerin ist dankbar, in der «schönen» Schweiz leben zu dürfen. Die Tochter einer Politikerfamilie nennt auch Fakten: saubere Luft, gutes Gemüse, funktionierende Behörden und das umfassende Gesundheitssystem. «Viele Menschen in den USA arbeiten zu Dumpinglöhnen und können sich keine Versicherung leisten», erzählt sie von einer jungen Mutter, die zwei Wochen nach einem Kaiserschnitt wieder zur Arbeit ging, gehen musste. Die Naht platzte und der existenzielle Druck der Frau war immens. Sie hatte keine Zeit, gesund zu werden.

Der Job bestimmt das Wohnland

Im Juli 2012 wanderte Patricia Mattle nach Paris aus. Ihr Arbeitgeber bot ihr dort eine Stelle an. Den Wechsel nach New York, zweieinhalb Jahre später, hatte sie nicht geplant. Es war wieder ein Job, der sie reizte. Ebenso ist ihre Rückkehr in die Heimat beruflich motiviert. Ihr Freund – seit Kurzem ihr Ehemann – hat sie begleitet. Seine Zukunft sieht das Paar in der Schweiz.

Patricia Mattle hatte bereits nicht mehr bei ihren Eltern gewohnt, als sie in die Ferne zog. Dennoch wurde sie im Ausland schneller selbstständig, als sie es vermutlich in der Schweiz geworden wäre. «In Paris gab es viele Momente, in denen ich alleine war. Ich hatte Heimweh», sagt sie. Hatte die junge Frau zu Hause die Familie oder Freunde, die ihr halfen, musste sie in Paris Möbel alleine kaufen und tragen sowie selbst Lösungen für alle kleinen und grossen Probleme finden. «Ich musste schnell Men­- schen kennenlernen.» Pariser bleiben aber meist unter sich. Also schloss Patricia Mattle sich einer Gruppe mit Auslandschweizern an und fand Freunde im Büro – Franzosen, aber keine Pariser. In New York ging sie das Netzwerken bewusster an. «Ich musste Ein­ladungen annehmen. Sonst wären sie schnell ausgeblieben.» Das war zwar anstrengend, aber sie hatte verstanden, dass das Community-Denken in den USA sehr viel ausgeprägter ist, als in der Schweiz. Zum Beispiel unterstützte die Bürogemeinschaft einen an Krebs erkrankten Arbeitskollegen, organisierte und strukturierte dessen Versorgung. Die Familie eines anderen Kollegen verlor durch einen Hurrikan ihr Wohnhaus. Die Solidarität in der Firma funktionierte über Hunderte Kilometer.

«Die Erfahrung möchte ich bewahren», sagt Patricia Mattle hinsichtlich ihrer Rückkehr nach Europa. «Hier empfindet man einen Schicksalsschlag als Scheitern.» In Amerika vermittelt eine Gemeinschaft selbstverständlich, dass sie ihren Mitgliedern beim Aufstehen hilft. «Du darfst dort schwach sein.» Sollte sie einmal ein Schicksalsschlag ereilen, möchte die junge Frau sich mehr mitteilen, als sie es von früher kennt.

Kultur und Denkweise sind in Amerika völlig anders als in Europa. «Ich kann inzwischen verstehen, warum Menschen aller Kulturen Donald Trump gewählt haben.» Sie hätten Hillary Clinton gehasst und auf Trump gesetzt. «Er stand zu seinen Fehlern und versprach, etwas zu ändern.»

Den Alltag in der Schweiz neu organisieren

In New York wohnte Patricia Mattle in einem mittelgrossen Haus, mit achtzehn Stockwerken und dreihundert Parteien. Dort war es üblich, dass ein Concierge viele der Hausarbeiten erledigte. Er holte zum Beispiel Schmutzwäsche ab und brachte die Hemden gebügelt zurück. Das System funktioniert nur, weil viele Menschen für Niedriglohn arbeiten. «So schön ich das finde, es spiegelt aber auch die Gesellschaft wider. Ich bin froh, dass es hier anders ist.» Hingegen versteht sie nicht, warum die Ladenöffnungszeiten in der Schweiz nicht liberaler geregelt sind. «Es ist immer alles zu.» Die Hausarbeit komplett selbst erledigen und nicht jederzeit einkaufen gehen können, fordert von Patricia Mattle, sich neu zu organisieren.

«Alle existenziellen Fragen waren gelöst»

New York hat den Ruf, eine Stadt zu sein, in der alles möglich ist. «Das ist wirklich so.» Auch die Altstätterin war mit Schweizer Klischees konfrontiert: Käse, Fondue und Schoggi. «Oft erkundigte man sich bei ihr nach Prinz Carl Philip von Schweden.»

«Im Büro war ich die junge Frau aus Europa, die mit einem Akzent spricht und keine Ahnung hat, was in New York normal ist.» Es gelang ihr aber selbst in der Provinz, sich Respekt zu erkämpfen. «Ich war fremd in Paris und New York», sagt Patricia Mattle. Aber sie beherrschte die jewei­lige Sprache, hatte einen Arbeitsplatz und ihr Arbeitgeber unterstützte sie bei der Wohnungssuche. Er war daran interessiert, dass seine Mitarbeiterin nicht scheitern würde. Alle existenziellen Fragen waren gelöst. «Dann fällt Inte­gration leicht. Flüchtlinge stehen vor dem Nichts, sie müssen sich allen Basisfragen stellen.»

Unter einem gewissen Druck stand Patricia Mattle dennoch. Sie hatte in Amerika keine Greencard und konnte deshalb nicht die Firma wechseln. Die Frage, wohin sie ihr Lebensweg führen würde, war fast immer präsent. Wäre ihr gekündigt worden, hätte sie zehn Tage Zeit gehabt, um aus Amerika auszureisen.

Weil sie nicht wusste, wie lange sie bleiben würde, hatte Pa­tricia Mattle den Drang, möglichst alles zu erleben. Sie nutzte ihre Freizeit, um ihre zeitlich begrenzte Wahlheimat zu bereisen und ein Netz aufzubauen, das sie auch aus der Schweiz pflegen will.

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