In der Arbeitswelt bewährt

WIDNAU. Die Teilnahme am Arbeitsleben hat für Menschen mit geistiger Behinderung oft einen hohen Stellenwert. Ein gelungenes Beispiel einer Eingliederung in die Berufswelt ist Stefan Koller.

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Stefan Koller fühlt sich wohl in seinem beruflichen Umfeld. (Bild: pd)

Stefan Koller fühlt sich wohl in seinem beruflichen Umfeld. (Bild: pd)

Der Bewohner der Stiftung Waldheim arbeitet seit mehr als vier Jahren bei der Widnauer saw spannbetonwerk ag.

Fast lautlos prasselt der frische Flüssigbeton aus dem Betonkübel in die bereitstehende Holzschalung. Zwei Mitarbeiter der Widnauer saw spannbeton ag nehmen die graue Masse in Empfang und verteilen sie gleichmässig in der Schalung. Für einen von ihnen gehört der Arbeitsschritt zur täglichen Routine. Für den anderen bedeutet er ein grosses Stück Integration. Konzentriert und mit grosser Sorgfalt taucht er die Schaufel in den frisch gegossenen Beton.

Dass Stefan Koller von Geburt an mit einer geistigen Behinderung lebt, ist hier keine grosse Sache mehr. Seit sieben Jahren lebt er im Wohnheim Bellevue in Walzenhausen. Von dort aus macht er sich täglich um halb sieben auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz. Pünktlich um acht beginnt sein eigentlicher Arbeitstag. Der endet dann kurz vor drei Uhr nachmittags, damit er rechtzeitig zurück ist für das Abendessen im Wohnheim.

Der Weg ins Ungewisse

Nicht immer gestaltet sich die Integration von Menschen mit Behinderung in die Privatwirtschaft so problemlos wie beim Beispiel von Stefan Koller. Mancher Arbeitgeber befürchtet, den Betreuungsaufgaben nicht gewachsen zu sein. Ein Unternehmen, das den Schritt ins Ungewisse gewagt hat, ist die saw spannbetonwerk ag in Widnau. Sie lieferte der Stiftung Waldheim vor knapp fünf Jahren die Betonelemente zur Fertigung des Wohnheims «Krone». Man lernte sich kennen und schätzen, und bald stand der Gedanke im Raum, einem Bewohner mit aussergewöhnlich guten handwerklichen Fähigkeiten die Eingliederung in die Arbeitswelt zu ermöglichen. Nach einigen Tagen des gegenseitigen Beschnupperns beschloss man bei saw, das Wagnis einzugehen.

An Stefan Kollers Seite wurde ein langjähriger Mitarbeiter gestellt, der ihn als persönliche Bezugsperson unterstützte. Die Zusammenarbeit entwickelte sich sehr positiv. Für Stefan Koller war es ein gutes Gefühl, sich bei der Arbeit in einem bedeutenden Unternehmen bewähren zu können. Bei der saw ist man mit seinem Beitrag sehr zufrieden. Die anfängliche Unsicherheit der Mitarbeiter verschwand dank seiner umgänglichen Art sehr schnell. Heute ist er ein fester Bestandteil der Firma, nimmt an Anlässen teil und findet sich im Betrieb bestens zurecht. Und als wichtiges Zeichen der Wertschätzung wird seine Leistung auch angemessen entschädigt.

Eine menschliche Bereicherung

Für Daniel Graf, Technischer Leiter der saw spannbetonwerk ag, ist die Beschäftigung von Stefan Koller Herausforderung und Bereicherung zugleich. Es habe zu Beginn schon etwas Zeit gebraucht, bis beide Seiten genügend Vertrauen im Umgang miteinander gefunden hätten. Zudem habe man von Anfang an ein grosses Augenmerk auf die Arbeitssicherheit legen müssen. Die Vorteile würden jedoch klar überwiegen. «Die Mitarbeit von Stefan Koller wird von unserer Belegschaft als Bereicherung empfunden. Seine Einstellung zur Arbeit hat etwas Lebendiges. Er bringt eine spezielle menschliche Komponente in den Alltag, die uns dazu bringt, nicht alles immer so ernst, sondern auch mal mit Humor zu nehmen.»

«Stefan ist bei uns ganz im Element», bestätigt auch Edxhan Qallaku, der mittlerweile den Part der zentralen Bezugsperson innerhalb von saw übernommen hat. «Man spürt, wie er in all den Jahren an Selbstvertrauen gewonnen hat. Es ist ihm durchaus bewusst, dass seine Leistung aufgrund seiner Behinderung unter derjenigen der anderen Mitarbeiter liegt. Er fühlt sich jedoch von uns gebraucht und ist stolz auf die Anerkennung für seinen Beitrag.» Heikel wird es eigentlich nur, wenn es mal für einen kurzen Moment nichts zu tun gibt. «Das mag er gar nicht», lacht Qallaku. «Er ist gerne den ganzen Tag über beschäftigt und freut sich, wenn er nach einem erledigten Job sofort den nächsten anpacken kann.» – Und was sagt die Hauptperson selbst zu ihrem Arbeitseinsatz? «Ich fühle mich sehr wohl hier. Meine Kollegen von der saw sind wie eine Familie für mich.» (pd)