In den Spiegel schauen können

Die Werdenberger Schauspielerin Simona Specker spielt Katharina Walser in Kuno Bonts Film «Das Deckelbad», die nach dem Ersten Weltkrieg als selbstbewusste Frau zum Spielball der Behörden wird. Der Film ist in den Kinos angelaufen.

Angela Hüppi
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Die Katharina im «Deckelbad» ist Ihre erste Kino-Hauptrolle. Was war das für eine Erfahrung?

Simona Specker: Eine sehr gute und spannende. Aber es war auch ein bisschen furchterregend. Als die Anfrage von Kuno Bont kam, habe ich mich sehr gefreut und sofort zugesagt – aber je näher der Dreh rückte, desto mulmiger wurde es mir.

Wieso?

Specker: Weil es meine erste Hauptrolle in einem Kinofilm ist. Ich habe zwar schon viele Rollen gespielt, und ich bin ja auch ausgebildete Schauspielerin, aber wenn es dann wirklich ernst gilt, ist das schon noch einmal etwas anderes. Ich dachte mir: Jetzt hat Kuno Bont so lange an dem Projekt gearbeitet, und dann komme ich und verpfusche vielleicht alles. Davor hatte ich schon ein wenig Angst.

Und wie haben Sie den Dreh selbst erlebt?

Specker: Sehr schön, weil wir ein kleines Team waren. Es war sehr familiär – jeder hat angepackt und auf die anderen geschaut. Dadurch, dass ich als Hauptdarstellerin fast immer beim Dreh war, bin ich in diese «Familie» richtig reingewachsen. Ich habe Freundschaften geschlossen, die ich immer noch habe und hoffentlich auch noch lange haben werde.

Die Rolle der Katharina ist keine einfache – wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Specker: Ich habe zuerst einmal viel über diese Zeit und Fälle wie den der Katharina Walser gelesen. Respekt hatte ich vor allem vor den Szenen, für die ich nicht aus meinem Erfahrungsschatz schöpfen konnte – etwa, ein Kind zu verlieren, vergewaltigt zu werden oder in der Psychiatrie Deckelbäder erleiden zu müssen. Dafür habe ich mir einen Schauspiel-Coach zur Seite geholt.

Wie fühlt man sich in diese Situationen ein, die man selbst nicht erlebt hat?

Specker: Als Schauspieler muss man ein sehr emotionaler und einfühlsamer Mensch sein, der sich in andere Menschen hineinversetzen kann. Man muss gut beobachten und zuhören, dann kann man die Erfahrungen anderer beim Spiel auf sich selbst übertragen. Ein sogenannter «Trigger Point» kann auch helfen – man erinnert sich an eine traurige Situation aus dem eigenen Leben, und steigert die Trauer, um der dargestellten Situation gerecht zu werden.

Waren diese Szenen die grösste Herausforderung der Rolle?

Specker: Ja, und das waren auch die Szenen, vor denen ich am meisten Angst hatte. Ich wollte es ja auch nicht übertreiben. Bisher habe ich vor allem Theater gemacht, dort spielst du ganz anders als im Film. Aber zum Glück ist da ja auch noch der Regisseur, der alles beobachtet und einem sagt, wenn man zu viel oder zu wenig macht.

Die Katharina ist eine tragische Figur – besteht da die Gefahr, abends zu viel von dieser traurigen Geschichte mit nach Hause zu nehmen?

Specker: Die Katharina ist meiner Meinung nach selbst keine tragische Figur, sondern sie hat eine tragische Geschichte. Sie war sehr lebensfroh, darum wurde sie von den Dorfbewohnern geschnitten. Aber ja, ihre Geschichte nimmt einen natürlich mit, das kann man nicht einfach wegwischen. Aber dadurch, dass ich mich ein Jahr lang auf die Rolle vorbereitet hatte, hatte ich bei Drehbeginn bereits eine gewisse Distanz zur Figur. Als Schauspielerin muss man seine Figur zwar einerseits nah bei sich haben, andererseits muss man sie nach Feierabend aber auch wieder weglegen können.

Was haben Sie bei Ihrer Arbeit an Ihrem ersten Kinofilm gelernt, das sie für weitere Projekte mitnehmen?

Specker: Entspannter zu sein. Ich sollte mir weniger Gedanken machen und mehr Selbstvertrauen haben. Weil im Nachhinein muss ich sagen, dass ich es, glaube ich, doch ganz gut gemacht habe (lacht).

Wie gross war die Erleichterung, als die ersten Reaktionen auf den Film, der ja im Rheintal bereits gezeigt wurde, sehr positiv waren?

Specker: Da fällt einem schon eine grosse Last von den Schultern. Selbst kann man sich meistens schlecht beurteilen – ich sowieso, weil ich immer sehr selbstkritisch mit meiner Arbeit bin. Natürlich sehe ich im fertigen Film viele Sachen, die ich jetzt anders machen würde. Aber man muss auch loslassen können. Der Film ist jetzt so, wie er ist, und er ist doch ganz gut geworden.

Im Vorfeld der Veröffentlichung gab es einige kritische Stimmen, die diese Thematik nicht im Kino ausgebreitet sehen wollten. Haben Sie davon etwas mitbekommen?

Specker: Nein, gar nicht. Ich wollte davon gar nichts wissen, weil ich mich auf meine Figur konzentrieren wollte. Meine Aufgabe war es, Katharina glaubwürdig zu spielen, ihr einen Körper und eine Stimme zu geben – alles andere geht mich nichts an.

Bei der Premiere in Heerbrugg waren auch Familienangehörige der Frau im Publikum, deren Geschichte die Vorlage für Katharina Walser war – erhöhte das den Druck auf Sie?

Specker: Sicher. Während den Dreharbeiten habe ich – ehrlich gesagt – nie gross darüber nachgedacht, dass die Geschichte auf wahren Tatsachen beruht. Klar hatte ich es ständig im Hinterkopf, wollte mich aber nicht zu sehr damit befassen, weil ich gewisse Dinge sonst vielleicht anders gemacht hätte. Bei der Premiere war dann natürlich die Sorge da, dass ich der Familie in dieser Rolle nicht gefallen könnte.

Und wie war die Reaktion der Familie?

Specker: Sie haben nach der Premiere noch mit mir geredet, und der Film ist für sie in Ordnung.

Nehmen die bisherigen positiven Reaktionen Ihnen ein bisschen die Nervosität vor dem offiziellen Schweizer Kinostart?

Specker: Enorm, ja. Dem Schweizer Kinostart kann ich jetzt viel lockerer entgegensehen. Auch ein paar Freunde von mir haben den Film bereits gesehen, die mir jeweils auch ganz ehrlich ihre Meinung sagen (lacht). Trotzdem ist es wahnsinnig aufregend und spannend, wie der Film beim Rest der Schweiz ankommen wird, und ob die Menschen etwas mit dem Thema anfangen können. Man muss aber realistisch sein – ein Schweizer Film wird nicht ewig in den Kinos laufen. Aber ich hoffe, dass ihn sich genug Leute anschauen werden und dass die, die sich «Das Deckelbad» ansehen, etwas daraus mitnehmen können.

Wie gehen Sie mit dem momentanen Medienrummel um Sie als Hauptdarstellerin eines Kinofilms um?

Specker: Der ist ganz schön (lacht)! Es freut einen natürlich, wenn sich die Leute plötzlich für einen interessieren. Auf der anderen Seite ist es auch ein wenig frustrierend – jetzt spiele ich schon jahrelang Theater, und habe auch dort gute Sachen abgeliefert, aber es hat nur wenige gekümmert. Und auf einmal, wenn du einen Film gemacht hast, stehen sie alle da (lacht). Ich muss mich da noch ein wenig dran gewöhnen, ich denke oft vor Interviews, dass ich doch gar nichts Spannendes zu erzählen habe. Aber ja, in ein paar Wochen wird der Rummel dann auch wieder vorbei sein.

Und wie sieht der Alltag einer Kino-Hauptdarstellerin aus?

Specker: Ich stehe morgens auf, gehe arbeiten und komme wieder nach Hause (lacht). Leider kann ich noch nicht vom Schauspiel leben – und vielleicht wird das auch nie gehen, da habe ich mir nie falsche Hoffnungen gemacht. Das ist ein Privileg, das nur wenige haben. Ich habe schon während der Schauspielausbildung angefangen, bei einem Musikvertrieb zu arbeiten, und dort bin ich immer noch.

Wie lässt sich das mit den Schauspiel-Engagements vereinbaren?

Specker: Ich habe riesiges Glück, weil ich jederzeit für Schauspiel- und Regieprojekte freinehmen kann. Das ist natürlich wahnsinnig wertvoll, weil ich so einerseits die Sicherheit habe, meinen Unterhalt bestreiten zu können, auf der anderen Seite aber überhaupt nicht eingeschränkt bin. Für die Schauspielerei muss man unglaublich flexibel sein.

Von der Schauspielerei zu leben, wäre aber das Ziel?

Specker: Natürlich würde ich das gerne. Aber nur, wenn ich weiterhin gute Projekte machen könnte, die mich wirklich interessieren. Jeden Unsinn annehmen müssen, nur um die Miete bezahlen zu können, möchte ich auch nicht. Da gehe ich lieber in mein Büro, wo ich sehr gerne arbeite. Dafür kann ich mir dann die Projekte aussuchen, die wirklich gut sind und die mich weiterbringen. Ich möchte einfach jeden Morgen in den Spiegel schauen und sagen können: Was du machst, ist gut.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Specker: Im Bereich Schauspiel habe ich momentan keine konkreten Pläne. Ich warte noch auf Rollenangebote, man darf sich also bei mir melden. Ansonsten fange ich im Mai eine neue Ausbildung im Bereich Kamera und Schnitt an. Die Schauspielerei ist halt ein unsicherer Beruf, den die meisten nicht bis zur Pensionierung machen können – da bin ich gerne vorbereitet und erweitere mein Spektrum.