«In Brot und Wein schenkt Gott sich uns»

Heute ist Aschermittwoch, ist die Fasnacht im Rheintal vorüber. In der Fastenzeit lädt die Seelsorgeeinheit Altstätten zu einer Vortragsreihe zum Thema Eucharistie. Ursina Knobel spricht über Ansätze dieses zentralen Glaubensinhaltes – Erinnerung, Wandel, Gemeinschaft und Hingabe.

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Ursina Knobel ist Pfarreibeauftragte in Hinterforst-Eichberg. Sie sagt: «In der Eucharistie geht es um die Begegnung mit Christus im Wort (Bibel) und im Sakrament (Brot und Wein).» (Bild: Monika von der Linden)

Ursina Knobel ist Pfarreibeauftragte in Hinterforst-Eichberg. Sie sagt: «In der Eucharistie geht es um die Begegnung mit Christus im Wort (Bibel) und im Sakrament (Brot und Wein).» (Bild: Monika von der Linden)

Frau Knobel, Sie laden zu einer Vortragsreihe zum Thema Eucharistie ein. Kennen sich die Katholiken so wenig aus?

Ursina Knobel: In der Seelsorgeeinheit Altstätten bin ich verantwortlich für das Ressort Erwachsenenbildung. Im letzten Jahr stiessen wir mit unserem Glaubenskurs auf grosse Resonanz. Manche Teilnehmer sagten, sie gingen zwar in die Kirche, verstünden vom dortigen Geschehen aber nichts oder nicht alles.

Überrascht Sie das?

Knobel: Leider nicht. Ich stelle bei der Vorbereitung der Erstkommunion häufig fest, auch die Eltern wissen wenig. Es werden nicht einmal Fragen zur Eucharistie gestellt. Sie sehen nur noch das Fest. Wissen und Bildung gehören auch zu einem verantwortbaren Glauben.

Die Wissenslücke wird dennoch als Mangel empfunden? Erklären Sie bitte, was Eucharistie ist.

Knobel: Im Zweiten Vatikanischen Konzil wurde die Eucharistiefeier als Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens beschrieben. Für mich ist sie Ort der Entlastung und Ermutigung.

Das klingt recht abstrakt. Welche Erinnerung haben Sie an den Tag Ihrer Erstkommunion?

Knobel: Damals war ich in der zweiten Klasse. Es war 1957 in Rapperswil. Das Fest habe ich in sehr guter Erinnerung. Ich habe das Bild vor Augen, als wir – wunderschön weiss gekleidet – in die Kirche einzogen und vom Musikverein begleitet wurden. Unter diesem Eindruck stand auch der Moment, als ich das heilige Brot das erste Mal empfangen durfte.

Was empfanden Sie damals?

Knobel: Es war geheimnisvoll. Ich merkte, es ist etwas Besonderes. Ich verstand aber nicht viel.

Ist heute der Zauber verblasst?

Knobel: Ich bin langsam in meinen Glauben hineingewachsen. Der schlichte Glaube meines Vaters steckte mich an und prägte mich. Mit der Zeit wurde für mich das Geheimnisvolle zur Gewissheit. Mir wurde bewusst, in der Eucharistie begegnet mir Jesus.

Haben Sie sich bei Ihrer Überzeugung nie geärgert, keine Priesterin werden zu dürfen.

Knobel: Seit 30 Jahren darf ich mich als Frau und Seelsorgerin in die Kirche einbringen, weil ich glaube, dafür berufen zu sein. Ich spüre aber keine Berufung zum Priesteramt. Ich kenne einige Kolleginnen, die fühlen sich berufen.

Ist das Genügsamkeit?

Knobel: Nein, ich bin völlig zufrieden mit meinen Möglichkeiten und den herausfordernden Aufgaben im Dienst der Pfarrei. Ich kann mir nicht vorstellen, Priesterin zu sein.

Sie dürfen keine Messen lesen. Hören Sie in der Pfarrei oft, es sei nur eine Wortgottesfeier?

Knobel: Diese Frage wird nicht gestellt. Wir sind hier in der Seelsorgeeinheit zurzeit in einer komfortablen Lage. An jedem Wochenende und an allen Beerdigungen ist ein Priester zugegen, der die Eucharistie feiert. Das wird sich wohl ändern, wenn wir einmal nur noch einen Priester haben werden.

Welche Antwort werden Sie geben, wenn sich dann die Frage nach dem Nur stellt?

Knobel: Ein Nur für eine Wortgottesfeier gibt es nicht! In der Eucharistie und in der Wortgottesfeier geht es um eine Begegnung mit Christus.

Können Sie das bitte erklären?

Knobel: In Brot und Wein schenkt Gott sich uns. Der Wortgottesdienst ist eine eigenständige Feier. Im Hören auf das Wort Gottes begegnen wir Gott. Dessen sind wir oft zu wenig bewusst. Wir kennen den Tisch des Wortes (Ambo oder Kanzel) und den Tisch des Brotes (Altar).

Das klingt widersprüchlich. Die Eucharistie ist wichtig, fehlt sie aber, so fehlt doch nichts.

Knobel: Die Eucharistie ist für uns die Hochform des Feierns. Es gibt auch die Andacht, die Vesper oder die Segnungsfeier. Den Erstkommunikanten erkläre ich es so: «Ihr mögt nicht immer nur Torte essen. Manchmal gibt es nur ein einfaches Brot und ihr werdet doch satt.» So ist es auch im Glauben und im Gottesdienst.

Spricht der Priester die Einsetzungsworte in der Messe, spricht man auch von der Wandlung.

Knobel: Bei der Wandlung geht es um die Worte, die Jesus beim letzten Abendmahl sprach. Er wollte den Aposteln seine Liebe schenken. Liebe nährt den Menschen wie Brot. In Brot und Wein bringt Jesus seine Hingabe zum Ausdruck.

Das klingt eher grausam als liebevoll.

Knobel: Eltern zeigen ihrem Kind ihre Liebe, wenn sie sich täglich um es kümmern, es umsorgen. Sie geben sich ihrem Kind hin. Jesus schenkt seine Liebe, die in Brot und Wein sichtbar wird.

Worin besteht hier ein Wandel?

Knobel: Wenn ich Jesus immer wieder begegne. Ich wandle mich, wenn ich seine Liebe annehme. Sie ist in der Eucharistie präsent, auch wenn sie nicht greifbar ist.

Täte der Kirche nicht auch ein Wandel gut?

Knobel: Die katholische Kirche begeht das Jahr des Glaubens, in Erinnerung an den 50. Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Gerade dieses Konzil hat einen Wandel in der Liturgie gebracht. Und dessen möchte und soll die Kirche sich wieder bewusst werden.

Was hat sich mit der Liturgiereform geändert?

Knobel: Früher zelebrierte der Priester vom Volk abgewandt die Messe in Latein. Seit dem Konzil richtet sich der Priester zum Volk und spricht in der Muttersprache. Die Gemeinschaft im Mahl wird durch den Volksaltar verdeutlicht.

Sie waren noch jung Frau. Wie erlebten Sie die Reform?

Knobel: Ich fühlte mich viel mehr angesprochen. Ich freute mich, dem Priester ins Gesicht schauen zu dürfen. Das Formelhafte verschwand.

Ging für Sie damals etwas vom Geheimnisvollen verloren?

Knobel: Nein. Ich war auf einmal als Teil der Gemeinde willkommen. Ich durfte plötzlich mitsingen und sogar in einen Kinderchor eintreten. Die Mitwirkung der Laien ist heute unverzichtbarer Bestandteil unserer Gottesdienste. Zum Beispiel sind sie Lektoren oder Kommunionhelfer.

Waren Sie auch Ministrantin?

Knobel: Damals durften Mädchen nicht ministrieren. Weil ich es nicht kannte, vermisste ich es aber nicht. Heute erlebe ich, wie sehr Kinder sich freuen, Ministrantin oder Ministrant zu werden, um sich am Gottesdienst zu beteiligen. Ich finde, es ist ein Phänomen: Die Kirchen werden immer leerer. Trotzdem möchten viele Kinder aktiv dabei sein. Sie lassen sich gerne begeistern.

Wo ist in der Kirche Gemeinschaft, wenn sie halb leer ist?

Knobel: Viele Leute vermissen in der Kirche ihre Kollegen. Das beobachte ich gerade bei Kindern und Jugendlichen. Sie gehen auch deshalb nicht gerne in die Kirche. Es ist schwer, Gemeinschaft zu spüren, wenn ich nicht weiss, wie es meinem Nachbarn in der Kirchenbank geht. Eucharistie ist Begegnung – mit Christus und untereinander.

Warum bieten Sie die Vortragsreihe in der Fastenzeit an?

Knobel: Die Messfeier erinnert immer wieder an das Ereignis der Karwoche: die Einsetzung der Eucharistie am Gründonnerstag, die Hingabe Christi am Kreuz des Karfreitags und die Auferstehung in der Osternacht. Wir möchten die Wochen vorher nutzen, um uns mit der Eucharistie, der Messfeier mit dem Zugang und vielen Aspekten zu befassen.

Erwarten Sie ein anderes Ostern für die Teilnehmer?

Knobel: Ich hoffe, möglichst vielen Leuten wird einiges klarer.

Im theologischem Sinne?

Knobel: Nein, nicht nur intellektuell. Ich hoffe, sie werden verstehen, was vor ihren Augen geschieht. Es wäre schön, wenn diese Erfahrung sie in ihrem Glauben bestärken wird.

Interview: Monika von der Linden