In 100 Tagen um die Welt

ALTSTÄTTEN. Von Ende März bis Juli reiste Hansjörg Graf rund um die Welt. Eisenbahnen, Busse, ein Mietauto und Containerschiffe brachten ihn über Moskau nach China, dann quer durch die USA und schliesslich von Rotterdam zurück in die Schweiz.

Max Pflüger
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Ein Touristensouvenir: Hansjörg Graf als Konfuziusschüler in dessen Geburtsstadt Qufu in der ostchinesischen Provinz Shandong. (Bild: z. Vfg.)

Ein Touristensouvenir: Hansjörg Graf als Konfuziusschüler in dessen Geburtsstadt Qufu in der ostchinesischen Provinz Shandong. (Bild: z. Vfg.)

Schon immer hatte es Hansjörg Graf in die grosse, weite Welt gezogen. Zwei Jahre lebte er in jungen Jahren in den USA und nicht weniger als zehnmal ist er wieder dahin gereist. Seit fünf Jahren ist er pensioniert und hat Zeit. Jetzt konnte er sich die grosse Weltreise endlich leisten. Diese Reise hatte er schon lange im Hinterkopf. Und bald nach seiner Pensionierung fing er an, Flugreise-Angebote und Prospekte von Reiseanbietern zu studieren. «Aber es sprach mich nichts richtig an. Da wird alles an einen herangetragen», sagt Graf. «Auf diesen Reisen erfährt man viel, aber erlebt wenig – das ist nicht meins.» Hansjörg Graf will nicht an Sehenswürdigkeiten herangeführt werden, sondern das Normale sehen, das Leben erfahren.

Zusammen mit dem Bruder

Gemeinsam mit seinem Bruder startete er in Heerbrugg und reiste per Bahn nach Moskau. Eine interessante Stadt. Die beiden blieben 24 Stunden. Dann fuhren sie weiter mit der Bahn nach Taschkent. Bequem in der 1. Klasse. Es war eine interessante Fahrt. Spannend. Graf schaute immer zum Fenster hinaus und lernte so gleichsam die Hinterseite der durchfahrenen Regionen kennen. Es folgten Besuche in Taschkent Khiva und Samarkand.

«Hier suchte die Bevölkerung den Kontakt geradezu», berichtet Graf. Viele nutzten die Chance, ihr Englisch zu erproben, denn Kamirov, der Präsident Usbekistans, hatte angeordnet, dass alle Schüler Englisch lernen müssen. Eine besondere Begegnung ist Graf in Erinnerung geblieben: «In Samarkand sass ich auf einer Bank. Da gesellte sich eine junge, schöne Frau zu mir und sprach mich an. «Do you speak English? How old are you? What is your name?» Es stellte sich heraus, dass die junge Frau Lehrerin ist und ihre fünf Schüler bei sich hatte. Die fünf 14-jährigen Buben sassen auf dem Bänklein hinter ihnen. Die Lehrerin wollte ihnen zeigen, wie man Fremde anspricht, um Englisch zu trainieren.

Bis hierhin hatten die beiden ihre Reise vorbereitet. Jetzt mussten sie sich einfach irgendwie durchschlagen. Das war nicht einfach, denn die Züge sind hier oft auf Tage hinaus ausgebucht. «Pumpevoll!» Die Brüder nahmen sich Taxis, die in der Gegend sehr billig sind, und Busse bis nach Urumqi, eine alte, traditionsreiche Uigurenstadt ganz im Westen Chinas. Mit dem Zug fuhren sie anschliessend weiter durch die Wüste nach Xian mit den berühmten Terrakotta-Kriegern. Hier trennten sich ihre Wege, Hansjörg Graf reiste alleine weiter.

Vom Augenarzt zur Polizei

Aus China hat Hansjörg Graf eine besonderes Erlebnis zu berichten: «Da ist die Geschichte mit der Polizei in Qufu. Eine Zufallsbekanntschaft, ein chinesischer Augenarzt, hat sich in dieser Stadt um mich gekümmert. Am ersten Morgen sitze ich in seiner Praxis. Plötzlich werde ich aufgefordert, in ein Auto zu steigen. Zusammen mit einem Polizisten. Los geht's, ich pflichtbewusst angeschnallt, er lässig. Durch die Stadt, durch eine gesicherte Einfahrt in einen Hof hinein, durch eine dicke Stahltür mit Sicherheitsverschluss, durch einen Gang. Dann in eine Marmorhalle zum Officer of Duty. Und jetzt weiss plötzlich niemand mehr weiter. Was soll ich da? Diskussionen unter den Beamten. Man holt eine junge Polizistin, die Fragen auf Chinesisch in ihr iPhone tippt und mir die Übersetzungen zeigt. Ob ich einen Führer brauche? Ob ich ein Museum ansehen wolle? Dann kommt noch eine Polizistin, die Englisch spricht und mich in mein Hotel zurückbringt. Ich fragte mich, was das alles soll? Zufällig traf ich die Polizistin zwei Tage später wieder und fragte nach. Sie nickte und kicherte. Ob mich mein Arzt denn nicht angerufen habe? Mehr dürfe sie nicht sagen, meinte sie. Und das war's dann.»

Per Frachter über den Pazifik

In der Bierbrauerstadt Tsingtao bestieg Hansjörg Graf die «Pazific Link». 14 Tage Überfahrt lagen vor ihm. Platz auf dem Frachter war für sechs Passagiere. Aber da er der einzige Gast an Bord war, erhielt er ohne Aufpreis die Suite auf dem Oberdeck, obwohl er im Reisebüro nur die billigste Passage gebucht hatte.

Es war eine grossartige Reise. Graf war dauernd mit dem Kapitän, dem ersten Offizier und dem Maschinenoffizier zusammen und durfte alle Details des Schiffes kennenlernen und sich jederzeit auch auf der Kommandobrücke aufhalten. Sie fuhren auf einer nördlichen Route, den Kurilen und Aleuten entlang, von Asien nach Amerika. Graf sah allerdings nichts von den Inseln, nur Wellen, Wellen, Wellen. Nur einmal sah er in der Ferne eine weisse, schneebedeckte Insel mit einem rauchenden Vulkan.

Amerika durchquerte Hansjörg Graf in 28 Tagen mit einem Mietauto. Er besuchte Gegenden, die er von früheren Aufenthalten kannte, um damals geschlossene Freundschaften aufzufrischen. Von Amerika ging es wieder auf einem Containerschiff zurück nach Europa, nach Rotterdam. Diese Überfahrt war für Graf aber eher enttäuschend: unpersönlich, der Kapitän unzugänglich, ganz anders als auf der «Pazific Link».

Am Freitag, 28. September, um 19.30 Uhr, wird Hansjörg Graf im Restaurant Schützenhaus von seinen Eindrücken und Erlebnissen berichten. Eintritt frei. Am 6. November wird er in einer Veranstaltung des Senior Colleges Rheintal nochmals zu seinen Bildern erzählen. Einen Eindruck von Grafs Reise bekommt man im Internet auf grosserundreise.blogspot.ch.