Im Zug zur besseren Welt

Im Speisewagen des überbelegten Intercity von Zürich nach Chur. Der Kellner: «Was darf ich Ihnen bringen?»

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Max Tinner

Max Tinner

Im Speisewagen des überbelegten Intercity von Zürich nach Chur.

Der Kellner: «Was darf ich Ihnen bringen?»

Eine Frau, vielleicht Ende dreissig: «Oh, es tut mir leid. Ich kann nichts bestellen; ich habe fast kein Geld bei mir. Kann ich nicht trotzdem einfach hier sitzen bleiben? Es hat in den anderen Wagen kaum mehr Sitzplätze frei.»

Ein Mann an einem Nebentisch blickt auf. Er wundert sich über so viel Unverfrorenheit. Der Kellner schluckt erst leer; dann bittet er die Frau, den Platz für konsumierende Gäste freizumachen. Da greift der Mann vom Nebentisch ein. Es ist ihm langweilig, weil dichter Nebel ihm die Aussicht auf die Seen und Berge versperrt, auf die er sich so gefreut hatte. Ausserdem ist die Frau hübsch und er, wie's scheint, ein wenig ein Charmeur.

«Entschuldigen Sie, darf ich Sie auf einen Kaffee einladen?»

Sie wirft dem Kellner einen entschuldigenden Blick zu, ergreift hastig ihre Handtasche, setzt sich zum Mann am Nebentisch und fragt: «Darf ich mir auch ein Glas Wein bestellen?»

Der Mann schmunzelt. «Aber sicher», meint er und bestellt eine Flasche mit zwei Gläsern. Die beiden beginnen sich angeregt zu unterhalten. Übers Wetter, über das hoffentlich schöne Wochenende im Bündnerland und über Bancomaten, vor denen die Leute Schlange stehen, ausgerechnet wenn man's eilig hat. Der Wein macht die beiden redselig.

Kurz nach Ziegelbrücke werden die Billette kontrolliert. Der Frau wird sichtlich unwohl. «Ob Sie mir wohl aushelfen könnten?», fragt sie den Mann ihr gegenüber, «Sie wissen schon: Schlange vor dem Bancomaten. Es hat nicht mehr zum Billettlösen gereicht.»

Der Mann lächelt, zückt das Portemonnaie und löst der Frau das Billett, als der Zugbegleiter an den Tisch tritt.

In Chur angekommen, verabschiedet sich der Mann von der Frau: «Danke, dass Sie mir die Fahrzeit so angenehm verkürzt haben.»

Die Frau stutzt. «Wollen Sie denn nicht wissen, wer ich bin?», fragt sie, «wegen des Billetts und so. Sie wissen schon…»

Der Mann zögert kurz. Dann meint er: «Wissen Sie was: Ich bin zufrieden, wenn Sie, wie ich Ihnen, zwei Leuten, die Sie nicht kennen, einen Gefallen tun. Bitten Sie die beiden, wiederum zwei Leuten zu helfen, die wiederum zwei Leuten helfen sollen und so weiter.» Die Frau schaut den Mann stirnrunzelnd an. «Und ganz wichtig», fährt dieser fort, «bei jedem Gefallen soll man sagen, es sei <für eine bessere Welt>.»

«Und woher wollen Sie wissen, ob ich das tu?», fragt die Frau.

Der Mann lächelt: «Oh, glauben Sie mir, ich werd's merken.»

Die Geschichte ist frei erfunden. Aber wenn sie wahr wäre: Ob die Welt bald eine bessere wäre?

Eine Randbemerkung: Würden die Gefallen so weitergegeben, dass jeder nur einmal in die Lage kommt, zwei anderen Menschen je einen Gefallen zu tun, wäre bereits mit dem 33. Schritt die ganze Weltbevölkerung involviert. Verbotene Schenkkreise und viele Kettenbriefe funktionieren nach diesem sogenannten Schneeballprinzip.