«Im Rheintal überleben Sie»

Was dem Rheintal fehlt, sind hochqualifizierte Arbeitskräfte. Von 50 befragten Industriebetrieben sind 52 % stark vom Fachkräftemangel betroffen, 14 % sogar sehr stark, der Rest teilweise.

Gert Bruderer
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Erfolg setzt im Scrabble wertvolle Buchstaben und in der Wirtschaft genug Fachkräfte voraus. (Bild: Gert Bruderer)

Erfolg setzt im Scrabble wertvolle Buchstaben und in der Wirtschaft genug Fachkräfte voraus. (Bild: Gert Bruderer)

Was dem Rheintal fehlt, sind hochqualifizierte Arbeitskräfte. Von 50 befragten Industriebetrieben sind 52 % stark vom Fachkräftemangel betroffen, 14 % sogar sehr stark, der Rest teilweise. Was es braucht, damit die weitgehend vergeblich Gesuchten ins Rheintal kommen, ist leicht zu erraten: Arbeitsplatz und Lebensraum müssen genug attraktiv sein. Eine Traumstelle allein genügt nicht. Bei einer Umfrage, an der über 500 Studierende schriftlich teilnahmen, gaben 62 % der Teilnehmenden an, sie würden selbst eine Traumstelle nicht sicher annehmen, wenn nicht auch die Wohnregion sie vollauf überzeugte.

Überzeugt sind die, die sowieso schon hier sind. Vor allem Familien leben gerne im Rheintal – und bleiben ihm treu. Ein «Singles-Tal» ist das Rheintal dagegen nicht, wie der nationale Vergleich zeigt. Die Schwierigkeit besteht also darin, junge hochqualifizierte Menschen erst einmal für die Region zu gewinnen.

Dies ist umso anspruchsvoller, als das St. Galler Rheintal ein nicht über alle Zweifel erhabenes Image geniesst. Das Rheintal wird als «provinziell» oder «bäuerlich» wahrgenommen, wenn nicht gar als «rückständig» oder als «SVP-Land». Laut einer Studie der FHS St. Gallen ist eine solche Sicht von aussen jedenfalls verbreitet. Auch grosse Tageszeitungen und renommierte Magazine blasen gern ins gleiche Horn, wenn sie (was selten genug vorkommt) das Rheintal zum Thema erheben. Das hat man erst kürzlich erneut feststellen dürfen. In einem Beitrag des «Tages-Anzeigers» (Titel: «Im Pföä-Land») erkühnte sich der Autor, Sätze wie diesen zu formulieren: «Zum Chancental hat das Standortmarketing das Rheintal erklärt. (…) Aber Heerbrugg wirkt an diesem Abend eher wie der Chancentod.»

Als zusätzliche Erschwernis wird in der FHS-Studie der «Röstigraben» zwischen dem oberen und dem («weltoffeneren») unteren Rheintal genannt. Solcher Wahrnehmung entgegenzuwirken, ist ebenso wichtig wie die Betonung der Stärken. Dass ausgerechnet das High-Tech-Umfeld, das viele Rheintaler Firmen weltweit erfolgreich gemacht hat, auswärts kaum bekannt ist, muss noch mehr zu denken geben und zum Handeln bewegen.

Nun ist es ja durchaus nicht so, dass in den letzten Jahren die Hände in den Schoss gelegt worden wären. Im Gegenteil ist man seit langem bestrebt, das St. Galler Rheintal bekannter zu machen. Doch vielleicht geschieht das nicht mit jener Kreativität, über die hochqualifizierte (und anzulockende!) Arbeitskräfte idealerweise verfügen. Wie kann es sein, dass das St. Galler Rheintal bei Wikipedia nicht als High-Tech-Region beschrieben wird und der erste von drei kümmerlichen Sätzen zur Wirtschaft so lautet: «Die Region ist kaum noch geprägt von der ehemals dominierenden Textilindustrie.» Solche Sätze locken gewiss keinen Zürcher, Basler oder Berliner hinter dem Ofen hervor und sind wohl eher als Heerbrugg bei Nacht der Chancentod.

Dass der Kontakt mit Hochschulen gesucht und möglichst auch gepflegt wird, ist natürlich sinnvoll. Auch die Bildung rheintal-spezifischer Clubs in (anderen) wirtschaftlich bedeutsamen Regionen kann hilfreich sein, und sicher ist es ratsam, den auswärts studierenden Rheintalern als Zielgruppe besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Denn diejenigen, die einen attraktiven Lebensraum schon kennen, nicht an eine ferne Gegend zu verlieren, dürfte leichter sein, als den Bezug zum Rheintal neu zu schaffen. Was auch auf die Pendler zutrifft, die man halten möchte.

Aber eben: Auch mit Blick besonders auf die jungen Leute ist ein zeitgemässes Werben nötig, der geschickte Einbezug sozialer Netzwerke und Ideen, die die Angesprochenen begeistern. Oder darf es vielleicht eine unwiderstehliche Einladung ins High-Tech-Tal sein? Vielleicht sogar eine Einladung an einen Spitzenkampf des FC Rheintal gegen den FC Thun? – Na ja, das ist allenfalls ferne Zukunftsmusik. Jedoch: Wo stetes Werben nicht zum Ziel führt, hilft vielleicht ein Umweg.

Eine Region, die nachhaltig Aufmerksamkeit erregen will, bedarf einer Strahlkraft, die allein mit grossen Worten nicht erreichbar ist. Warum denn nicht, anstatt nur Stärken zu betonen, alle Kräfte bündeln und etwas Grosses schaffen, beispielsweise einen FC Rheintal!

Der Zürcher (wenn er erst mal hier ist) stellt zwar freudig fest, dass er im St. Galler Rheintal kaum einmal im Stau steht, doch aus seiner Sicht fehlt es dem Rheintal an Urbanität. Der öffentliche Verkehr ist kein Ruhmesblatt, das Nachtleben tatsächlich nahezu inexistent, das Kunst- und Kulturangebot immerhin besser als früher, was natürlich wenig heisst.

Damit das St. Galler Rheintal als ein High-Tech-Standort und als attraktiver Wohnort wahrgenommen wird, als stadtnahe Chancenregion inmitten der Natur, ist deutlich mehr Anstrengung nötig als die landesweit verbreitete Behauptung, das Rheintal sei ein Chancental. Aufsehen erregt man anders; mit einer deutlichen Aufwertung der Infrastruktur – und sehr viel plakativer.

Es muss ja, beispielsweise mit Bezug auf die im Rheintal tiefe Kriminalitätsrate, nicht gleich heissen: «Kommen Sie ins Rheintal – hier überleben Sie!» Aber ein bisschen aufregender als bisher dürfte der Einsatz fürs Rheintal schon sein. Oder haben Sie, liebe Leserin und lieber Leser, diesen Beitrag nicht auch seines Titels wegen gelesen?