Illegal mit dem Roller in Vorarlberg

Zu Hunderten fahren 16- und 17-jährige Rheintaler mit ihren Rollern nach Vorarlberg. In die Schule, in den Ausgang, ins Kino, zum Einkaufen. Sie wissen nicht, dass sie dort erst ab 18 fahren dürften. Bisher wussten auch die Beamten an der Grenze kaum Bescheid. Das hat sich geändert.

René Schneider
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In Sicherheit: Junge Rollerfahrerin auf der Widnauer Wiesenau-Brücke ist wieder zurück in der Schweiz. (Bild: René Schneider)

In Sicherheit: Junge Rollerfahrerin auf der Widnauer Wiesenau-Brücke ist wieder zurück in der Schweiz. (Bild: René Schneider)

Au. Elisa* aus Au ist 17 und fährt seit einem Jahr täglich mit ihrem Roller nach Vorarlberg zur Schule. Neulich kontrollierte die Österreicher Polizei sie bei der Einreise, und sie erfuhr verblüfft: Mit weissem Nummernschild darf sie in Österreich erst ab 18 fahren. Elisa musste umdrehen – und wählte danach einen anderen Übergang. («Ich muss doch zur Schule.») Seither ist sie vorsichtig. Nicht nur am Grenzübergang. Denn inzwischen hat sie erfahren, dass ihre Versicherung bei einem Schaden Abstriche machen könnte.

Versicherung macht Vorbehalt

Eine kleine Umfrage ergab: Weder die Roller-Fahrenden noch die Händler, Fahrlehrer, Polizisten oder Grenzwächter diesseits im Rheintal wissen, dass die Schweizer «Euro3»-Roller nur mit über 18 Jahre alten Lenkern in Vorarlberg fahren dürfen. Ueli Steiger von der AXA Winterthur im Rheintal hat das Versicherungs-Rechtliche abgeklärt: «Für Schweizer Lenker unter 18 Jahren besteht in Österreich im Prinzip kein Versicherungsschutz.» Rechtlich handle es sich um «Fahrten ohne den gesetzlich erforderlichen Ausweis». Daher werde der Versicherer «bei einem in Vorarlberg verursachten Drittschaden einen Rückgriff auf den Versicherungsnehmer und in der Kaskoversicherung eine Kürzung oder Leistungsverweigerung prüfen». Steiger bestätigt, dass das Detail auch bei der Axa unbekannt war, bis eben jener Österreicher Grenzwächter die Rollerfahrerin aus Au (rechtlich korrekt) zurück- schickte. Jeder Verkehrsteilnehmer sei verpflichtet, die Verkehrsregeln des jeweiligen Landes zu befolgen, führt Steiger wei-ter aus. «Andernfalls verhält man sich gesetzlich nicht zulässig, was im Falle eines Schadens zu Kürzungen der Versicherungsleistung führen kann.» Welche Gesetze gelten, darüber hat sich jeder selber schlau zu machen. Die Rollerfahrerin und ihre Mutter sind empört: «Wie sollen wir erfahren, was gilt, wenn nicht mal die Fachleute und der Handel Bescheid wissen?» Schliesslich sei der Roller regulär in der Schweiz typengeprüft, eingelöst, versichert, habe eine grüne Versicherungskarte fürs Ausland und die Fahrerin die Töffprüfung A1 (Theorie und Praxis) bestanden. «Jeder normale Mensch» gehe doch davon aus, dass Fahrzeuge, Ausweise und Prüfungen international gegenseitig anerkannt würden.

Eine Lücke im Gesetz

Im regionalen Zweirad-Fachhandel diesseits der Grenze reagierten alle Angefragten höchst erstaunt: Wie überall in der Schweiz würden in unserer Region «Euro3»-Roller an Jugendliche ab 16 verkauft. Bekannt ist im Handel dagegen, dass 14- bis 16-Jährige aus Vorarlberg mit ihren Mofas (mit roten) Schildern streng genommen nicht in der Schweiz fahren dürften. Weil es diese Kategorie Fahrzeuge in der Schweiz nicht gibt. Kontrolliert werde das von der Polizei kaum. Entstanden sei das rechtliche «Loch», vermuten Händler, weil die Schweiz die Fahrausweis-Kategorien der EU übernommen habe, in den Abgasnormen aber eine fortschrittlichere Linie fahre als die EU.

Darum würden die beliebten 50-ccm-Roller, mit denen in unserer Region über tausend Jugendliche unter 18 Jahren unterwegs seien, speziell für den Schweizer Markt produziert.

Wenn der Händler den Roller auf 45km/h drosselt, erfülle er die Abgasvorschriften nicht mehr. Vielleicht werde das rechtlich wichtige Detail bei der nächsten Führerschein- und Fahrzeug-Technik-Harmonisierungs-Runde zwischen der EU und der Schweiz besser gelöst. Elisa* ist das egal. Sie feiert im Sommer ihren 18. Geburtstag.

*Name geändert