«Ich liebe ihn – darum gehe ich»

ALTSTÄTTEN. Yvette Bosshard* in Altstätten ist «stinkesauer», wie sie der Redaktion schrieb. Nach Jahren des körperlichen und seelischen Krankseins fühlt sie sich nicht nur vom Glück, sondern auch von den Sozialbehörden im Stich gelassen.
René Schneider
Roman Zimmermann Leiter Soziales, Altstätten

Roman Zimmermann Leiter Soziales, Altstätten

Letzten Samstag zügelte Yvette Bosshard* zusammen mit ihrem Lebenspartner ihr Bett und ein paar Habseligkeiten aus dem gemeinsam bewohnten Einfamilienhaus in Altstätten in ein kleineres, einfacheres Haus in Altstätten. Dort wohnt ein Freund der 52-Jährigen. Ein Kollege, wie sie betont. Mit ihm wird sie künftig als WG-Partnerin wohnen. Für 400 Franken pro Monat.

Ihr Lebenspartner und Yvette Bosshard sind seit 17 Jahren ein Paar. Seit 14 Jahren wohnen sie zusammen in seinem Eigenheim. Jetzt zieht sie «wegen denen» aus. Wenn Yvette «sie» und «diese» sagt, meint sie Ämter, Amtsstellen, Beamte. «Sie zerstören meine Beziehung.» Hintergrund ihres Frusts sind ihre Krankheit und ihre finanziell schwierige Lage. Sowie der Umstand, dass «jene» erwarten, dass sich ihr Lebens- und Konkubinats-Partner an ihrem Unterhalt beteiligt. «Sozialgelder werden erst gesprochen, wenn auch mein Lebenspartner nichts mehr hat!» Yvette Bosshard ist empört. Sie schreibt alles auf und weiss darum, dass sie in den letzten anderthalb Jahren bei ihrem Lebenspartner Schulden für Miete-Anteil und Leben von 36 000 Franken angehäuft hat.

«Gefestigtes Konkubinat»

Darum meldete sie sich beim Sozialamt. «Niemand geht gern und freiwillig dahin.» Dort erfuhr sie, dass der Gesetzgeber bei «gefestigtem Konkubinat» keine Sozialgelder bewilligt, solang dem Konkubinats-Partner oder der -Partnerin die Unterstützung des bedürftigen Partners zugemutet werden kann. Yvette Bosshards langjähriger Lebenspartner ist ebenfalls arbeitslos, er hat aber Vermögen in Form von Liegenschaften. «Das ist sein Einkommen und sein Vermögen», sagt sie. Sie sei ja froh, «dass er als verständnisvoller Partner trotz Krankheit bei mir bleibt. Da will man nicht auch finanziell abhängig sein.» Es sei ungerecht, dass das «gefestigte Konkubinat» beim Steueramt nichts gilt und sie einzeln besteuert werden. Auch im Erbrecht, bei Witwen- oder Witwerrenten finde sich dieser eigentümliche Begriff nicht.

Angst und Panik

Yvette Bosshard hat in den letzten 17 Jahren sechs Rückenoperationen über sich ergehen lassen müssen und leidet an Angst-Attacken. Wegen ihnen war sie zweimal stationär in der psychiatrischen Klinik und immer wieder in ambulanter Behandlung. Vor dem Besuch des Journalisten hat sie «aus Angst vor der Angst» Medikamente genommen. Trotzdem zittert sie anfänglich mit beiden Händen und hat ein schweissnasses Gesicht.

Mit Bus und Zug traut sie sich nicht mehr zu fahren. In geschlossenen Räumen, unter Fremden usw. fühlt sie sich unsicher. Dann neigt sie zu Panik. Manchmal «flippe ich dann aus», wird sie von der Ambulanz ins Spital gebracht, bekommt ein Beruhigungsmittel – und und ist Stunden später wieder zu Hause.

Vor zwanzig Jahren war Yvette Tramführerin in Zürich. 1995 (mit 35 Jahren) muss sie zur ersten Rückenoperation. Ans Tramfahren ist nicht mehr zu denken. Die Verkehrsbetriebe melden sie zur IV an. «Mit 35, in Rente!» Yvette zieht zu ihrem Freund nach Altstätten und findet bis vor drei Jahren Arbeit bei der Industrie in Heerbrugg. Die psychischen Probleme häufen sich. Gekündigt wird ihr «angeblich aus wirtschaftlichen Gründen», während sie in der Psychiatrie in Wil ist. Seit drei Jahren klärt die Invalidenversicherung ab, ob Yvette Bosshard berechtigt ist für eine Invalidenrente. Währenddessen bekommt sie Rechnungen von der Krankenkasse, Ärzten, Therapeuten, Kliniken. «Die wollen ihr Geld, jetzt, nicht eventuell in drei Jahren», klagt sie. Und es sei wenig tröstlich, zu wissen, dass die IV, wenn überhaupt, dann rückwirkend zahle.

Vom Sozialamt der Stadt Altstätten (s. Kasten) erbat Yvette Bosshard die Bezahlung ihrer Krankenkassen- und Gesundheitskosten sowie eine monatliche Unterstützung von 400 Franken. «Man will ja nicht wegen jedem Franken bei seinem Lebenspartner betteln müssen. Ich liebe ihn, doch will ich ihn nicht ruinieren. Darum gehe ich!»

Sobald sie umgezogen ist, werden ihr voraussichtlich monatliche Zahlungen von etwa 2100 Franken bewilligt. Abzüglich 200 Franken. Weil sie nicht in einer eigenen Wohnung lebt, sondern in Wohngemeinschaft. 200 Franken werden auch ihrem Wohnpartner abgezogen werden. Er bekommt ebenfalls Sozialhilfe.

*Name geändert

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