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«Ich habe es im Griff»

Aus christlicher Sicht
Silke Dohrmann
Es macht wohl jeden etwas unruhig, wenn beim Memory-Spiel der eigene Stapel kleiner ist als der des Mitspielers. (Bild: Monika von der Linden)

Es macht wohl jeden etwas unruhig, wenn beim Memory-Spiel der eigene Stapel kleiner ist als der des Mitspielers. (Bild: Monika von der Linden)

Wir hatten unsere vierjährige Enkelin zu Besuch. Am liebsten hörte sie Märchen und spielte mit mir Memory. Wenn ich etwas mehr Paare aufgedeckt hatte als sie, wurde sie unruhig und nahm ihr Kuscheltier zum Trost. «Es ist nicht so wichtig, wer gewinnt», versuchte ich ihr zu vermitteln, «am Schluss können wir die Karten teilen.» Aber ehrlich gesagt, machte es mich auch unruhig, wenn ihr Stapel wuchs und meiner daneben ganz klein aussah. «Ich habe es im Griff!», jubelte sie dann. Und in diesem Flow deckte sie dann ein Paar nach dem anderen auf.

«Ich habe es im Griff», hoffen wir oft. Ein Unfall hat mich vor einigen Wochen ganz aus dieser scheinbaren Sicherheit geworfen. Ein falscher Tritt! Ein Bild erschien mir vor Augen, mit Gleisen, auf die ich gesetzt wurde. Gott führt mich, wohin ich nicht will. Auf einmal bin ich hilfsbedürftig. Im Spital und in der Reha konnte ich erleben, wie reibungslos unser Gesundheitssystem funktioniert, wie gut ausgebildet und freundlich die Pflegenden sowie Ärztinnen und Ärzte sind. Und ich sah die anderen Patientinnen und Patienten mit ihren Kämpfen darum, wieder auf die Beine zu kommen oder mit ihrem Ringen mit Diagnosen, bei denen es keine Heilung gibt, die sie annehmen müssen. Einen ganz sportlichen älteren Herrn hörte ich hadern: «Wäre ich eine halbe Sekunde später oder früher gewesen auf meinem Velo, dann hätte mich das Auto nicht erwischt!» – Es ist einfach schwer, anzunehmen, was ich nicht ändern kann und was so sinnlos erscheint.

Eine befreundete katholische Spitalseelsorgerin sagte in ihrer Krebserkrankung: «Für mich ist es auch eine Form von Weiterbildung. Ich muss es lernen, Geduld zu haben, mich hineinzugeben in die Therapien, in die Ohnmacht. Gott führt mich hindurch.»

«Ich hab’s im Griff», sagt meine Enkelin, und ich möchte ihr sagen und auch vorleben: Ich habe es nicht im Griff, aber Gott hält mich geborgen in seiner Hand.

Wir haben kaum etwas im Griff. Das wird mir auf drastische Weise bewusst, wenn ich mit Verstand die Nachrichten verfolge und wenn ich bemerke, dass die wirklich wichtigen Überlebensfragen nur am Rande diskutiert werden, auch in unseren Kirchen. Ja, was soll ich denn antworten, wenn unsere Enkelin uns einmal fragen wird: «Ihr habt es doch gewusst, warum habt ihr nichts dagegen getan?»

Dazu fällt mir das Gelassenheitsgebet ein: «Gott gebe mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.»

Silke Dohrmann

Pfarrerin in Widnau

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