«Ich erwarte ein brutales Rennen»

RADSPORT. Obwohl erst 24-jährig, bestreitet die Marbacher Velorennfahrerin Jennifer Hohl am Samstag in Geelong im Süden Australiens schon ihre siebte Weltmeisterschaft. Erstmals ist sie in der Elite aber nicht als Helferin vorgesehen.

Daniel Good
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Jennifer Hohl während des verregneten Olympiarennens vor zwei Jahren in Peking. Das WM-Rennen in Australien wird auch bei guten Wetterverhältnissen anspruchsvoll sein. (Bild: Archiv/ky)

Jennifer Hohl während des verregneten Olympiarennens vor zwei Jahren in Peking. Das WM-Rennen in Australien wird auch bei guten Wetterverhältnissen anspruchsvoll sein. (Bild: Archiv/ky)

Am Donnerstag der vergangenen Woche ist Jennifer Hohl via Dubai in die WM-Region 2010 geflogen. Die Zeitumstellung hat die zweifache «Rheintaler»-Sportlerin des Jahres kaum vor Probleme gestellt: «Als ich in Melbourne ankam, war es 6 Uhr morgens. Bewusst habe ich danach den ganzen Tag nicht geschlafen, obwohl ich sehr, sehr müde war. Erst um 21 Uhr ging ich ins Bett und schlief zwölf Stunden durch.

Nach der zweiten Nacht, in der ich ebenfalls zwölf Stunden schlief, fühlte ich mich erholt und bestens akklimatisiert.» Die zweifache Schweizer Elite-Meisterin befindet sich zum ersten Mal in «Down under».

Schon am Tag der Ankunft besichtigte das Schweizer Team mit dem Auto den WM-Parcours, dann folgten Trainings auf dem WM-Kurs. Jennifer Hohl: «Die WM-Strecke ist anspruchsvoller als jene vor einem Jahr in Mendrisio. Bis jetzt stufte ich das WM-Rennen 2009 als das schwerste ein, das ich je gefahren bin.

Nun wird der Schwierigkeitsgrad aber nochmals übertroffen.» Die Marbacherin erwartet ein brutales Ausscheidungsrennen: «Die zwei Anstiege in jeder Runde sind bis zu 20 Prozent steil.» Wegen der zu erwartenden Strapazen steht vor dem Rennen die Erholung im Zentrum.

Vier Siege in zwölf Wochen

Trotz einer Baisse in der ersten Saisonhälfte befindet sich Jennifer Hohl in einer ausgezeichneten Verfassung: In den vergangenen zwölf Wochen verbuchte sie vier Siege.

Im August gelang es ihr sogar, die britische Olympiasiegerin Nicole Cooke in die Schranken zu weisen.

«Jennifer Hohl hat zu einer beneidenswerten Form zurückgefunden. Sie fühlt sich gut und ist durchaus in der Lage, eine Topleistung abzuliefern», erklärt der Schweizer Nationalcoach Emil Zimmermann. Zur Strategie der vier Schweizer Teilnehmerinnen sagt Zimmermann: «Unsere Taktik ist einfach.

Wir wollen versu- chen, von Beginn weg in Fluchtgruppen präsent zu sein, ohne jedoch unnötig Kräfte zu verschleissen.» Jennifer Hohl und die Thurgauerin Patricia Schwager (27) sind die Leaderinnen im Schweizer Frauen-Team. Zimmermann: «Beide Fahrerinnen weisen international schon beachtliche Erfolge auf.»

Das über 127,2 Kilometer führende Rennen werden Teilnehmerinnen anderer Verbände bestimmen, die starken Holländerinnen oder Italienerinnen beispielsweise. Die Schweizerinnen sind im Nationenklassement des internationalen Radsport-Verbandes (UCI) nur an 14.

Stelle geführt. «Patricia Schwager und ich sind etwa gleich stark», sagt Jennifer Hohl zur Ausgangslage. «Wir werden uns gegenseitig unterstützen. Eine von uns beiden wird den besseren Tag erwischen. Dann werden wir während des Wettkampfs entscheiden, was wir machen.» Der Fernsehsender Eurosport zeigt am Samstag ab 8.35 Uhr eine 85-minütige Aufzeichnung des WM-Rennens mit Jennifer Hohl.

Eigene Chancen wahrnehmen

Erstmals wird Jennifer Hohl an einer WM nicht als Helferin für die mittlerweile zurückgetretene Nicole Brändli starten, sondern kann ihre eigenen Chancen wahrnehmen. «Dieses Jahr ist alles anders. Aus meiner Erfahrung wird das WM-Rennen wieder sehr schnell sein. Ich werde versuchen, aktiv zu fahren. Es ist für mich immer eine Ehre, für die Schweiz am Start zu sein.»

Jennifer Hohl, die 2006 in Salzburg ihre erste Elite-WM bestritt, erwartet «auch dieses Jahr ein total nervöses Rennen.» Es gebe an der WM immer viele Stürze, weil jedes Jahr mit Vollgas gestartet werde.

Von Land und Leuten in Südaustralien – Geelong liegt rund 75 Kilometer südwestlich der Grossstadt Melbourne – wird Jennifer Hohl erst nach dem Rennen etwas mitbekommen: «Priorität haben zunächst das Training, die Erholung und die Ernährung. Aber wenn alles vorbei ist, werden wir schon noch einen kleinen Ausflug machen.»