Ich bin der Silvester

Morgen ist Silvester, wir stossen auf ein neues Jahr an. Aber nicht allen gefallen die Rituale zum Jahreswechsel gleich gut. Wir haben uns in sechs verschiedene Akteure des Silvesterabends hineinversetzt.

Benjamin Schmid, Remo Zollinger
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Die Sektflasche steht an Silvesterpartys gerne im Mittelpunkt. (Bild: depositphoto/jag_cz)

Die Sektflasche steht an Silvesterpartys gerne im Mittelpunkt. (Bild: depositphoto/jag_cz)

Benjamin Schmid, Remo Zollinger

Ich bin der Silvesterfreak. Es gibt für mich keinen schöneren Tag als diesen. Silvester ist Ausnahmezustand. An meiner legendären Silvesterparty führt kein Weg vorbei. Vor lauter Freude bin ich ganz aus dem Häuschen, der Puls rast. Noch eine Stunde. Dann geht es endlich los. Sind die Partyhüte verteilt, hängen die Girlanden korrekt, ist der Sekt kühl gestellt, sind die Tischbomben parat? Wo ist bloss das Feuerwerk?

Meine Gedanken schiessen Flanken. Ungeduldig richte ich die Feuerstelle zum Bleigiessen, schiebe «Dinner for One» ein, platziere nicht nur Schweinchen, Kleeblätter und Kaminfeger in der Wohnung, sondern auch Hufeisen dürfen nicht fehlen. Fünf vor acht, jetzt drängt es. Schnell noch die Feuerzangenbowle mischen und die rote Unterwäsche montieren. Kurz bevor die ersten Gäste eintreffen, räuchere ich die Wohnung ein, um die bösen Geister zu vertreiben.

Ich bin es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen, umsorgt und gefüttert zu werden. Ich bin die Hauskatze. Doch einmal im Jahr dreht mein Frauchen total durch. Dann lässt sie mich links liegen. Da hilft kein Miauen und kein Kratzen. Glücklicherweise spüre ich meistens ihre Aufregung vorher und schleiche mich davon. Dieses Mal jedoch werde ich von einem bissigen Geruch in der Nase geweckt. Mit weit aufgerissenen Augen springe ich über Stühle und Tische, Girlanden und Glücksbringer, in Richtung Katzenloch.

Die Freiheit ist zum Greifen nahe, als ich plötzlich von zwei Kinderhänden gepackt werde. Dieses Kind möchte weder mit mir kuscheln noch mich streicheln oder füttern. Ganz im Gegenteil. Es hält mich fest und verfrachtet mich hinter die Panzertür des Luftschutzkellers. Anstatt frische Luft und Freiheit sitze ich hier im feuchten, dunklen Raum. Ohne Futter, ohne Spielzeug, ohne Gesellschaft.

Endlich wach bleiben, bis die Korken knallen

Nachdem ich die Katze vor dem lärmenden Feuerwerk in Sicherheit gebracht habe, steht meinem langen Abend nichts im Weg. Ich bin die Tochter vom Silvesterfreak. Und muss heute nicht früh ins Bett. Mama hat gesagt, ich sei jetzt alt genug, bis Mitternacht wach zu bleiben und mit den Grossen zu feiern. Was das bedeutet, weiss ich noch nicht, aber: Wie geil ist das denn!

Zehn Jahre habe ich dafür gekämpft. Und nun, da es so weit ist, kämpfe ich gegen die Müdigkeit: Ich trinke Rimuss, zünde Tischbomben und zerplatze Ballone. Vom Bleigiessen wurde mir schlecht, aber bei diesem Lärm, dem regen Treiben und dem schallenden Gelächter kann ich sowieso nicht schlafen. Ganz schön anstrengend, so ein Silvesterabend. Ich ertappe mich, wie ich gähnend die Minuten bis Mitternacht herunterzähle und stelle fest, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis die Sektkorken knallen.

Ich spiele heute eine der Hauptrollen. Ich bin die Sektflasche. Eigentlich bin ich der Gastgeber, weil ich es bin, der die gute Laune verbreitet. Falls man mich aber missbraucht, verderbe ich dem Täter ganz schön die Party. Ihr seht: Ich bin mächtig. An mir führt kein Weg vorbei.

Endlich holt jemand mich und meine beiden Kollegen aus dem dunklen Kellerverlies. Seit ich in meinem Geburtsort Berneck abgeholt wurde, habe ich dort mein Leben gefristet. Jetzt stellt man mich endlich dahin, wo ich hingehöre: In den Mittelpunkt. Diesen bekleide ich nun, grün, schlank, mit goldenem Kopf. Und warte darauf, den Kopf zu verlieren. Dann wird mir mein Lebenselixier ausgesaugt, es wechselt in den Körper der Menschen, verändert ihre Laune. Meine beiden Kollegen sind zuerst dran. Plopp. Ein neues Jahr geht los. Prost! Und schon stehe ich halbleer auf der Theke, ganz verlassen.

Oh, da hat’s ja noch was drin. Cool. Diese Flasche staube ich rotzfrech ab. Ich bin der gelangweilte Single. Das fünfte Rad am Wagen. Ich habe schon wieder den Fehler gemacht, der Einladung an einen Pärchenabend zu folgen. Es ist elend hier, die einen zicken rum, die anderen lieben sich und reiben das allen unter die Nase. Furchtbar. Ein Schluck darauf. Noch einen. Die Flasche gehört jetzt mir. Mein Schatz.

Nur einer wird auch nach 25 Runden nicht müde

Ich hätte es doch so viel besser haben können, wäre ich wirklich zu Hause geblieben, wie ich mir das vorgenommen hatte. Ich hätte gemütlich gegessen, zwei, drei Bierchen getrunken und den Fernseher eingestellt. Ich hätte «Dinner for One» geschaut, ein Abbild meines einsamen Lebens. Ich bin ja auch gar nicht unglücklich damit, nur sind mir diese Pärchenabende ein Graus. Es wird Zeit, zu verschwinden. Die Flasche ist leer, ich bin müde, die Bushaltestelle fast vor der Tür.

Ich führe in dieser Nacht ein wahres Herrenleben. Die Strasse gehört fast mir alleine. Ich bin der Bus. Und werde auch nicht müde, wenn ich zum fünfundzwanzigsten Mal «Balgach, Bad» ausrufe. Bei mir läuft das alles ganz mechanisch. Ich nehme dann kurz etwas Tempo aus meinem Leben, raste einige Sekunden, spucke ein paar Menschen aus und nehme andere auf.

Heute sind es mehr als sonst. Das ist aber gut so, diese Leute sind vernünftig und fahren nicht selbst. In anderen Jahren habe ich warten oder Umwege fahren müssen, habe den Unmut meines Bedieners mit harten Schlägen gegen das Steuerrad zu spüren bekommen. Heute werde ich zwar nass vom Matsch, den die Leute in mich hineintragen, morgen aber ist das schon wieder vorbei – eine aufregende Dusche mit dem Kärcher gibt’s dazu. Ach, irgendwie freue ich mich doch jetzt schon auf die Nacht.

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