Hunger auf mehr?

Hunger ist bei uns die Ausnahme. Und trotzdem sind wir nicht satt. Renato Tolfo, Pfarrer in Rebstein, macht sich Gedanken über das Gefühl des Hungrigseins.

Renato Tolfo
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Hunger ist bei uns die Ausnahme. Und trotzdem sind wir nicht satt. (Bild: depositphotos/kingkonglive)

Hunger ist bei uns die Ausnahme. Und trotzdem sind wir nicht satt. (Bild: depositphotos/kingkonglive)

Hunger ist bei uns – Gott sei Dank – die Ausnahme. Und trotzdem sind wir nicht satt. Obwohl ich eigentlich alles habe, es mir gut geht und ich zufrie­den sein müsste, bleibt da ein Gefühl, dass es noch irgendetwas mehr geben sollte, damit das Leben so richtig vollkommen ist.

Vielleicht geht es bei all dem Suchen und Fragen nach dem richtigen Leben um etwas Grösseres. Etwas, was mir über mein kleines, begrenztes Leben hi­naus Perspektive und Halt gibt. Etwas, das auch da Bestand hat, wo die Erfüllung der Wünsche und die Suche nach Abenteuer seine Grenze hat.

Darauf will der christliche Glaube Antworten geben. Doch Jesus erregt bei vielen Menschen nicht einmal mehr oberflächliches Interesse. Viele Menschen sind mehrheitlich übersättigt. In den Kirchen wird keine Show geboten. Seit 2000 Jahren die gleiche Botschaft, jeden Sonntag die gleiche Litanei vom lieben Gott und seiner Liebe.

Das ist was für alte Leute. Aber nicht für den Menschen von heute. Glaube und Kirche sind out. Hunger kann ich stillen, wenn ich Geld habe – dazu brauche ich keinen Gott.

Deshalb haben viele das Gefühl, sie seien nicht mehr auf den Glauben, wie es das Christentum vermittelt, angewiesen, ebenso wenig auf ein Miteinander. Und all die linken Anliegen, die da vertreten werden, wie Solidarität, Bewahrung der Schöpfung, Feindesliebe – ist doch alles ein alter Zopf.

Ist es, weil es uns so gut geht? Das ist einerseits erfreulich. Aber innerlich verarmen viele Menschen, wenn man seelisch keinen Halt hat und der Geist der Gemeinschaft zunehmend den Bach runter geht. Vielleicht müssen wir erst wieder lernen, das Knurren im Bauch zu deuten und zu benennen – nicht als Magenverstimmung über die Un­sicherheit der Zukunft oder als Bauchgrummeln wegen der Eintönigkeit und Langeweile, sondern als Hunger – als Hunger nach den Dingen, die meine Seele braucht: den Hunger nach Frieden und Heimat, den Hunger nach Versöhnung – mit mir selbst und mit anderen; den Hunger nach Gott.

Jesus will diesen Hunger stillen, den echten Hunger nach Leben. Nicht die Gier. Auch nicht das In-sich-Reinfressen und Masslos-Sein. Schon gar nicht die Ichbezogenheit. Wenn wir bedenken, dass die Menschheit bereits jetzt die natürlich verfügbaren Ressourcen der Erde für dieses Jahr schon aufgebraucht hat.

Das heisst, wir haben bereits zur Hälfte eines Jahres mehr an Wasser, Getreide oder Ackerböden verbraucht, als die Erde in einem Jahr regenerieren kann. Eigentlich wär alles vorhanden, um glücklich auf Erden zu sein.