Hollywood auf dem St.Galler Berg

ST.GALLEN/WIDNAU. Im Institut auf dem Rosenberg, wo einer der reichsten Menschen seine Kinder platziert hat, fand kürzlich eine Feier zum 125-Jahr-Jubiläum statt. Caterer Heinz Sieber aus Widnau kochte vor Ort. Wen er sah, verrät er nicht, dafür anderes.

Maya Schmid-Egert
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Wertschätzung für die Arbeit zu erfahren, das ist Caterer Heinz Sieber wichtig. (Bild: Maya Schmid-Egert)

Wertschätzung für die Arbeit zu erfahren, das ist Caterer Heinz Sieber wichtig. (Bild: Maya Schmid-Egert)

Die Rosen, die Berg und Internat den Namen gaben, sind längst verblüht. Die Feier, über die nicht viel mehr als eine Meldung zu lesen war, ist passé. Die Polizei gab ein Feuerwerk am Abend des 23. August bekannt.

Wochen später findet das Treffen mit Caterer Heinz Sieber an der Heldstrasse 8 in Widnau statt. Eine Fabrikhalle, davor sechs Lieferwagen, grossflächig mit dem «mehrlust»-Logo bedruckt: rote Chilischoten auf schwarz. Der Einlass erfolgt durch eine mit einer Blache bedeckten Wandluke, durch die Speisen, Geschirr und Dekomaterial direkt in die Laderäume gereicht werden können. Zwei Frauen waschen ab, eine Sekretärin schreibt am Computer und zwei Köche schnippeln Gemüse.

Es ist neun Uhr ,und der Chef würde jetzt normalerweise Gastrohändler abklappern. «Gute Küche beginnt mit guten Produkten», ist er sogleich mitten im Thema und schlägt eine Betriebsbesichtigung vor.

Küche für alle Wünsche

Eilig führt er durch die Grossküche mit blitzblanken Chromstahlgeräten, einem Abwaschraum, Lagernischen, einem begehbaren Kühlraum und einem Büro. Es platzt aus allen Nähten, so dass nicht erstaunt, dass etwas Geräumigeres angepeilt wird. Was vor fünf Jahren mit einem Mitarbeiter begann, ist zu einem KMU mit vier Vollzeitangestellten, drei mit Teilpensen und zwei Dutzend auf Abruf gewachsen. Heinz Sieber führt zum Sitzungszimmer, das die Verantwortliche für den stilvollen Auftritt der hier vorgekochten Speisen, Ehefrau Manuela, im gemütlichen Alpen-Chic-Stil herausgeputzt hat. «Kaffee?», fragt der Profi-Gastgeber und erzählt dann, wie es zu seinem bisher glamourösesten Auftrag kam: Eine gute Bekannte brachte ihn ins Gespräch. Sie ist eine der Angestellten, die sich um die 250 Internatsschüler zwischen sechs und zwanzig Jahren aus dreissig Nationen kümmern. Ein Dreivierteljahr vorher wurde zu einem Ideenwettbewerb eingeladen, wie es sonst unter Architekten üblich ist.

Die Aufgabe: Ein Galabankett für 1300 internationale Gäste – Kaviar, Showtorten, Grillzelte und Champagner-Lounges komplettierten das kulinarische Angebot für die Alumnis. Für 84 000 Franken pro Jahr verbrachten sie hier ihre Schulzeit bis zur Matura. Im Schulgeld nicht inbegriffen: Kosten für Flüge mit dem Privatjet nach Hause oder ins Skiweekend, für Reiten oder Golf, Bildungsreisen nach Paris oder Mailand, Nachhilfe, die Erledigung der Wäsche, spezielle Dienstleistungen.

«Hier mitzumachen, ist wie Mitspielen in der Champions League», vergleicht Heinz Sieber – und wollte mit einer Küche der Vielfalt gewinnen: Für Klassiker: Kalbssteak und Roastbeef mit Gratin, Teigwaren, Champagner-risotto, Gemüsebukett. Für Vegetarier und Veganer: Ein Salat- und Rohkostbuffet nach dem Vorbild des Vegi-Pioniers Hiltl. Für Internationale: Sushis, Schalen- und Krustentiere.

Perfekte Manieren der Gäste

Er erhielt den Zuschlag und übernahm am Tag X mit sechzig helfenden Händen die frisch renovierte Küche am Höhenweg 60, in einer der vierzehn Villen auf dem 100 000 Quadratmeter grossen Campus. Vier Köche brutzelten unentwegt Jakobsmuscheln, schlitzten Austern auf, grillierten Mangroven-Crevetten. Das Schlaraffenland war von Punkt 16.30 bis Punkt 20.30 Uhr geöffnet. Danach galt strikte Sperrstunde. Eine Klacksvorgabe im Vergleich zu dem, was Caterer leisten müssen: «Wer bei mir arbeitet, arbeitet körperlich streng. Es ist ein ständiges Schleppen, Schleppen, Schleppen», sagt Heinz Sieber.

Sein erstes Galabankett in der für die meisten unerreichbaren Liga der Centurion-Kreditkartenbesitzer baute er auf rotem Teppich um Tannenbäumchen aus rosaroten Rosen auf. Die Girlanden waren aus Rosen, die Sträusse waren aus Rosen, die Arrangements waren aus Rosen. Rosen, Rosen, Rosen: eine rosa Welt.

Angst vor der Aufgabe hatte er nicht – aber vor der Verwöhntheit der noblen Gäste. Zu seiner Überraschung benahmen sie sich vorbildlich, assen die Teller ganz aus – eine der vielen strengen Regeln, die hier gelten, neben Krawatten- und Rockzwang bei Tisch und einer verlangten, strikten Pünktlichkeit in einem durchgetakteten Tag. Beim Feuerwerk fiel Heinz Sieber diese Disziplin erneut auf: «Tausend Gäste traten auf einen Schlag auf die Terrasse, das war eindrücklich!»

Zum Schluss, speziell zum 125-Jährigen, kam es zu einem Pas de deux glühender und leuchtender Bilder am Nachthimmel. Der Lichtkünstler Gerry Hofstetter projizierte zeitgleich zum Feuerwerk das Rosenberg-Wappen und andere Sujets auf das Hauptgebäude. Die Fotos finden sich auf den Webseiten. Das Bild mit den Umrissen von 007-Agent James Bond verwirrt dabei, führt es doch einmal mehr zur Frage, wer hier zur Schule ging oder geht. Bond-Darsteller Roger Moores Sohn soll im Genfer «Le Rosey» gewesen sein. Doch: So genau weiss das niemand. Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski, einer der reichsten Menschen, soll seine Söhne hier platziert haben. Sie wurden an der Olma gesichtet, da liegt der Schluss nahe. Laut «Handelszeitung» sind es die Söhne und Töchter von Industriellen, Ärzten, Adeligen sowie Prominenten. Man spricht Deutsch, Italienisch, Französisch, Englisch und Russisch. Diskretion ist Teil des Geschäftes. Und so will auch Heinz Sieber niemanden erkannt haben, umschreibt die Gästeschaft mit «wie Hollywood auf dem St. Galler Berg».

Arbeit bringt Realitätsnähe

20 Uhr an einem Donnerstag, Weingut Schmidheiny, Heerbrugg: Die Gäste verspäten sich. Das «mehrlust»-Team wartet in der Schlupfküche. Die Frauen tragen beige, die Männer schwarze, lange Schürzen. 74 Salatteller, noch ohne Sauce und Sprossen, sind aufgereiht. Die Gäste tröpfeln rein. Heinz Sieber geht hinaus, schüttelt Hände, lacht. «Hoi, wie geht's?». Man kennt sich. «Anfangen!», ruft eine Serviererin. Handschuhe überstülpen, Salate fertig machen. «Ich gehe rechts durch» oder «Ich frage, wer Vegi ist», spricht man sich ab. Der erste Gang ist durch. Jetzt heisst es wieder: warten. Bis zum Dessert wird es 21.40 Uhr werden. Warten, Schub geben, warten, das ist der Arbeitsrhythmus. 80, 90 Stunden pro Woche ist dies Heinz Siebers Welt. «Ein Leben ohne Kochen kann ich mir nicht vorstellen», sagt er, der für seine perfekte Tomatensauce so lange nach der richtigen Pelati suchte, bis er sie fand: eine sizilianische Cirio. Dass es in nächster Nähe auch eine Bling-Bling-Welt ohne Sozialgefälle, gibt, schert ihn nicht: «Sie bleiben lieber unter sich, sind dadurch vielleicht realitätsfremd. Ein Grund für Neid ist das nicht.»