Holder – i – ai – ho!

Das ist Jodel. Oder fast. Zumindest aber Ausdruck überschwenglicher Freude. Urschreitherapie für zahlenmüde Banker und Minuszinsen-geplagte Investoren. Mindestens so könnte es in einem Seminar-Prospekt für Führungskräfte stehen.

Urs Stieger Berneck
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Frau Holles Zauberbaum: Holder, schwarzer Holunder. (Bild: Urs Stieger)

Frau Holles Zauberbaum: Holder, schwarzer Holunder. (Bild: Urs Stieger)

Das ist Jodel. Oder fast. Zumindest aber Ausdruck überschwenglicher Freude. Urschreitherapie für zahlenmüde Banker und Minuszinsen-geplagte Investoren. Mindestens so könnte es in einem Seminar-Prospekt für Führungskräfte stehen.

Mich interessieren die ersten zwei Silben. Von dem steht leider nichts im Prospekt. Ich hätte das Jodeln und Urschreien weggelassen und mich nur mit dem Holder beschäftigt.

Da könnte man locker ein Wochenende füllen. Wenn dann die Teilnehmer – Teilnehmerinnen gäbe es ja wahrscheinlich wegen der spärlichen Vertretung in Führungsetagen nicht –, wenn also diese Führungskräfte am Schluss mit einem leichten Dusel von dannen zögen, hätten sie für einmal gewusst, woher er kommt. Der Dusel.

Vom Sekt, den wir nicht bei LVMH geordert, sondern mit selbst gesammelten Holunderblüten angesetzt und zum Abschluss, noch etwas zu früh, einander kredenzt hätten. Von den vorzüglichen Holderchüechli, dem halb gefrorenen Holdermuesparfait, der Holderlikörverzierung, dekoriert mit ein paar frischen Cassisbeeren und Ringelblumenblütenblättern. Nichts wäre von der viel diskutierten Kaderleute-Schnäderfrässigkeit zu spüren gewesen.

Auch Kunst ist ein Thema. Vor allem die Renaissance-Holzstiche von Dürer und seine Mäzene, die Fugger.

Und manch einer hätte gestaunt, dass Holunderholz, genügend alt und trocken, polierbar ist und für die Künstler Ersatz für teure Kupferplatten gewesen ist. Und von diesen Holzschnitten, zum Beispiel «Die Versuchung des heiligen Antonius», wäre der Sprung nicht weit gewesen zu den vielen Mythen, die sich um den Holunderstrauch oder Holderbaum ranken.

Obwohl der Holunder als «Apotheke des armen Mannes» galt, war sein Ruf in allen Schichten hervorragend und sein Nutzen bekannt. Da zwei Teilnehmer des Holderseminars bei viel zu kühlem Wetter im offenen Cabrio angereist wären und sich dabei eine …

Holundertee bei Erkältungen trank man schon im Mittelalter. Dass neuere Forschung seine antioxidative Wirkung beweist, ersetzt eine Menge Lifestyle-Präparate.

Dann, nach diesem Holderwochenende, würde vor fast jeder Bank ein wunderschöner Holderbaum wachsen und die Bank peinlich darauf achten, dass die Erde um ihn nicht mit Abfall vom nahen Fastfoodlokal versaut wird. Klar hätte das nichts damit zu tun, dass eine Firma mit ähnlichem Namen alle diese Holunderbaumbanken übernehmen würde.

Nein, die Teilnehmer hätten an diesem Wochenende erfahren, dass die guten Geister, was immer das sind, im Volksglaube im Holunderbaum wohnen und das positive Gedeihen der Anwohner beeinflussen.

Der Holderbaum wäre dann quasi die europäische Form der kleinen Tempelchen, die überall in Asien auch auf riesigen Baustellen wie in jedem Industriegebäude oder jeder Bank anzutreffen sind.

Wäre schön, nicht?

Das Buch «Hädöpfl und Mäzeschtärn», gesammelte Kolumnen aus «Dem Rheintaler» und der «Rheintalischen Volkszeitung», ist im blabla-verlag.ch erschienen.