Hinterforst muss ländlich bleiben

Ein Teil des Dorfes Hinterforst gehört zu Altstätten, ein Teil zu Eichberg. Das funktioniert ganz gut. Einend wirkt nicht zuletzt die eigene Schule. Deren Bestand hängt von einem gewissen Wachstum ab – was gemischte Gefühle weckt.

Max Tinner
Drucken
Teilen

HINTERFORST. Das Dorf Hinterforst befindet sich in einer speziellen Situation. Nur ein Teil liegt nämlich auf Gebiet der Stadt Altstätten, ein stattlicher Teil dagegen auf Eichberger Gemeindegebiet. Die Grenze verläuft mitten durch den Ortsteil Brand, entlang der Brandgasse. Allerdings nimmt man diese politische Zweigeteiltheit im Alltag kaum wahr. Integrierend wirkt nicht zuletzt die Schulgemeinde mit einer Grenze, die der Siedlungsstruktur viel mehr gerecht wird als die politische Gemeindegrenze. Die Schule Hinterforst existiert schon lange: Erstmals in Dokumenten erwähnt wurde sie vor 333 Jahren – was man heuer mit drei speziellen Anlässen feiert. Und die eigene Schule wolle man auch noch behalten, so lange es nur irgendwie geht, betont Einwohnervereinspräsidentin Isabel Mattle.

Kleine Schulen haben Vorzüge

Das hat sich auch der Hinterforster Schulrat auf die Fahne geschrieben, nachdem die vor vier Jahren angepeilte Fusion mit der Nachbarschulgemeinde Eichberg nicht zustande gekommen ist. In Eichberg hatte man sich damals dafür ausgesprochen, eigenständig zu bleiben. Gut möglich, dass in Hinterforst die Abstimmung gleich ausgefallen wäre, hätte man sie nach dem Eichberger Entscheid denn überhaupt noch durchgeführt.

Für Schulratspräsident Albert Koller hätte jener Zusammenschluss zwar durchaus Sinn gemacht. Kleine Schulen hätten aber auch ihre Vorzüge, sagt er. «Sie sind familiär, und es sind schnelle Entscheide möglich.» Man habe zudem in Hinterforst die Finanzen im Griff; die Infrastruktur sei gut; und die Organisation stimme. Sogar an den Freiwilligen für die Mitarbeit in der lokalen Schulbehörde mangelt es nicht: Als eine Mehrheit der Schulbürger vor sieben Jahren mit dem damaligen Schulrat unzufrieden war, konnte man den Rat komplett neu besetzen. Dennoch hält Albert Koller einen Zusammenschluss mit einer anderen Schulgemeinde in fernerer Zukunft für möglich. Denn gerade kleine Schulgemeinden seien von schwankenden Schülerzahlen besonders betroffen.

Nur noch Mehrjahrgangsklassen

In Hinterforst versucht man das Problem zu lösen, indem man bei der Klassenbildung flexibler wird. Dazu wird aufs nächste Schuljahr, das im August beginnt, die Schulform geändert: Statt nur bei einem ausnahmsweise kleinen Jahrgang möchte man konsequent Mehrjahrgangsklassen (1./2. Klasse, 3./4. Klasse, 5./6. Klasse) führen, selbst bei Jahrgängen, die von der Schülerzahl her als jahrgangsreine Klassen geführt werden könnten. In jenem Fall würde man einfach eine zweite Mehrjahrgangsklasse derselben Stufe führen.

Dies ist das vielleicht zukunftweisendste Ergebnis eines Visionstags, zu dem sich Schulrat und Lehrer Ende November in Rorschacherberg in Klausur begeben hatten. Vorbild dafür war nicht zuletzt die Vision, die der Stadtrat für Altstätten als Ganzes erarbeitet hat. Hinterforsts Schulratspräsident Albert Koller ist darin die Bildung allerdings zu kurz gekommen – «obwohl sich doch Altstätten auch als Bildungsstadt sieht», meint er. Und doch fehle jegliche Aussage zur künftigen Schulstruktur auf Stadtgebiet.

Von der Einheitsgemeinde, die zuweilen diskutiert worden war, als es um die (dann gescheiterte) Fusion der Primarschulgemeinden Lüchingen und Altstätten ging, sei man zwar heute weit weg. Der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den Schulgemeinden mache aber durchaus Sinn, betont Koller.

Wissen, wohin man will

Die Vision für die Primarschulgemeinde Hinterforst hat man aber nicht wegen der «Bildungslücke» in der Vision des Stadtrats erarbeitet. Man hätte es so oder so getan: «Man muss ein Ziel vor Augen haben und wissen, wohin man will – auch mit der Primarschulgemeinde Hinterforst», sagt Albert Koller. Klar ist: Die Zukunft der eigenen Hinterforster Schule hängt in erster Linie von der Schülerzahl ab. Und Koller ist sich durchaus bewusst, dass man die nicht steuern kann. Sie hängt von der Geburtenrate sowie von den Zu- und Wegzügen ab. Für die nächsten Jahre rechnet der Hinterforster Schulrat mit einer steigenden Schülerzahl. Was nach 2018 sein wird, ist offen.

Wachstum kostet auch etwas

Albert Koller ist zuversichtlich, dass die Schule Bestand haben wird, nicht zuletzt dank des momentanen Wachstums, das der Stadtrat in seiner Vision ja auch als anzustrebendes Ziel sieht. Dieses sieht man in Hinterforst aber nicht nur gerne. Ernst Gschwend, Rhodmeister der Rhode Hinterforst, kann sich nicht dahinter stellen: «Wachstum bringt nicht nur Gutes, sondern auch Probleme und Kosten.» Speziell Hinterforst dürfe nicht zu sehr verbaut werden, «es muss den ländlichen Charakter behalten», fordert er. Anders als Albert Koller kann er auch grundsätzlich wenig mit der vom Stadtrat aufgestellten Vision anfangen: «Letzten Endes muss man doch alles nehmen, wie es kommt – und kommen tut es oft anders, als man denkt.»

Damit ein Dorf als Wohnort attraktiv bleibt, bedarf es nebst einer Schule auch weiterer Grundinfrastruktur. Und die ist in Hinterforst in den letzten Jahren geschrumpft: Die Bank hat sich zurückgezogen – aber immerhin den Bancomaten noch belassen. Die Post hat den eigenen Schalter ebenfalls geschlossen; bietet ihre Dienste nun aber im Dorflädeli in der einstigen Käserei an. Das brachte zwar einige Abstriche am postalischen Dienstleistungsangebot mit sich, dafür aber längere Öffnungszeiten für die verbliebenen Postdienste. Ausserdem stärkt die Postagentur das Lädeli.

Dieses erachten sowohl Albert Koller als auch Isabel Mattle als enorm wichtig für die Dorfgemeinschaft. Nicht nur als Einkaufsmöglichkeit, sondern auch als Begegnungsort. «Hinterforst soll nicht zum Schlafdorf werden», sagt Isabel Mattle. Dazu brauche es aber eine Infrastruktur, die den täglichen Bedarf decke. Dass ihr Vorgänger im Einwohnerverein, Daniel Achermann, gleich neben dem Lädeli eine Wursterei eröffnet hat, freut sie darum besonders.

Denner zog sich zwar schon vor einigen Jahren aus Hinterforst zurück. Dass auch ein solch eher kleineres Dorf für einen Laden nach wie vor attraktiv sein kann, zeigt sich nicht nur am Weiterbestand des Dorflädelis, sondern zum Beispiel auch darin, dass der Eichberger Holzofabeck, der früher das Lädeli führte, den Standort nicht widerstandslos aufgeben wollte: Als die Käsereigenossenschaft als Eigentümerin der Liegenschaft das Vertragsverhältnis mit ihm aufgelöst hatte, führte er gleich daneben noch eine ganze Weile eine eigene Verkaufsstelle weiter.

«Manchmal vergisst man uns»

Nicht verstehen kann Isabel Mattle, dass die Stadt Altstätten die Altstoffsammelstelle auf dem Areal der ehemaligen Käserei aufgehoben hat. Weil auch auf der Eichberger Seite des Dorfs keine solche vorhanden ist, müssen die Hinterforster nun zum Entsorgen von Büchsen und Altglas nach Altstätten oder Eichberg fahren – zum Nachteil des eigenen Dorflädelis und der weniger mobilen Dorfbewohner. Der Einwohnerverein setzt sich zwar dafür ein, dass Hinterforst wieder eine Sammelstelle bekommt. «Aber bei solchen Gelegenheiten wünschten wir uns, einen Hinterforster im Stadtrat zu haben», sagt Isabel Mattle und fügt an: «Manchmal habe ich schon das Gefühl, wir gehen in Altstätten ein wenig vergessen.» Gäbe es den Einwohnerverein nicht, sagt sie, würde Hinterforst wohl noch das eine oder andere Weitere fehlen.

Aktuelle Nachrichten