«Hier ist man von Berufs wegen geduldig»

Kinder, die dem Heim Oberfeld zugewiesen werden, gelten als schwierige Kinder. Für Peter Albertin, der als Sohn des früheren Heimleiters bereits in diesem Umfeld aufgewachsen ist, sind es Kinder wie andere auch. Mit dem Unterschied, dass sie an ihrem Umfeld gescheitert und im Heim gestrandet sind.

Max Tinner
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Peter Albertin wird für die drei Jahre bis zur Pensionierung nochmals Sonderschullehrer im Heim Oberfeld. Die Schüler haben die Begrüssung auf der Wandtafel bereits vorbereitet. (Bild: Max Tinner)

Peter Albertin wird für die drei Jahre bis zur Pensionierung nochmals Sonderschullehrer im Heim Oberfeld. Die Schüler haben die Begrüssung auf der Wandtafel bereits vorbereitet. (Bild: Max Tinner)

Herr Albertin, Ihr Vater war schon Heimleiter im Heim Oberfeld. Sie sind hier aufgewachsen. Wie kam es, dass Sie dann die Nachfolge Ihres Vaters übernahmen?

Peter Albertin: (lächelnd) Zu jener Zeit war es noch viel mehr als heute üblich, dass der Sohn das Geschäft des Vaters übernahm: der Metzgerssohn die Metzgerei, der Bäckerssohn die Bäckerei, der Bauernbub den Bauernhof …

Das kann kaum der wahre Grund gewesen sein, oder?

Albertin: Nein. Tatsächlich kam es so, weil mir das Heim und die Kinder am Herzen lagen. Ich erlebte während meiner Kindheit viele traurige Schicksale. Es waren leidende Kinder, die hierher kamen. Darum bin ich Lehrer geworden. Ich wollte es anders machen, als es die konventionelle Pädagogik vorgab. Ich musste aber erkennen, dass sich die öffentliche Schule nicht so leicht ändern lässt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nach einer Zusatzausbildung zum Heilpädagogen konnte ich dann zurückkehren, um Kindern zu helfen, die hier gestrandet sind.

Gestrandet?

Albertin: Ja, gestrandet. Es ist ja nicht so, dass die Kinder ins Heim kommen, damit es ausgelastet ist, sondern weil ihre Situation dermassen schwierig geworden ist, dass sie nirgendwo anders mehr hin können. Es braucht viel, bis ein Kind in ein Sonderschulheim kommt. Das liegt auch nicht daran, dass das Kind schlechte Eltern hätte – vielfach sind diese schlicht überfordert. Darum liegt uns eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern auch am Herzen. Und wenn immer möglich sind die Kinder heute – nicht mehr wie früher nur während der Ferien, sondern auch übers Wochenende – zu Hause bei ihren Eltern.

Jahrein, jahraus um 50 schwierige Kinder sein, während Jahrzehnten … Wie erträgt man das, wenn Eltern selbst bei einem einzigen solchen Kind kapitulieren müssen?

Albertin: Mit zunehmendem Alter entwickelt man eine gewisse Gelassenheit. Auch aus der gemachten Erfahrung heraus. Hilfreich ist nicht zuletzt die Erkenntnis, dass ich niemandem etwas beweisen muss. Tatsächlich ist es so, dass die Originalität und Genialität dieser Kinder verkannt wird. Die Kinder hier im Heim sind letztlich Kinder wie alle anderen auch – sie wachsen lediglich unter erschwerten Bedingungen auf. Es liegt an uns, die Edelsteine, die gute Seite an ihnen, freizulegen und von ihnen zu lernen.

Und der Geduldsfaden ist Ihnen in all den Jahren nie gerissen?

Albertin: Das Heim Oberfeld hat einen langen Atem; hier ist man von Berufs wegen geduldig. Es ist mir ein Anliegen, dem Kind immer wieder eine Chance zu geben. Aber es kam vor, dass ich Angst hatte, die Situation nicht bewältigen zu können, wenn mich zum Beispiel ein Jugendlicher mit einem Messer in der Hand bedrohte.

Was tun Sie dann?

Albertin: Ich rufe mir in Erinnerung, dass es einem Jugendlichen eigentlich gar nicht um mich geht, wenn er ausfällig wird. Man muss dann authentisch sein und auch mal die ganze Professionalität über den Haufen werfen und den Jugendlichen einfach in den Senkel stellen. Aber es gibt ja auch so viele andere Momente. Ich habe schon als Kind gesehen, wie bereichernd das Aufwachsen im Heim sein kann. Die Kinder hier erleben so manches, was viele andere Kinder nie erleben.

Zum Beispiel?

Albertin: Zum Beispiel die Erlebnisse auf unserem Bauernhof. Ich bin überzeugt: Eine Volksschule mit Bauernhof würde den Ritalinverbrauch massiv reduzieren. Tiere sind die besten Therapeuten, die man sich vorstellen kann. Hühner vermögen ein ADHS-Kind zu beruhigen. Eine Ziege, die einem Kind am Hemdsärmel knabbert, vermag die Welt in Ordnung zu bringen.