HEERBRUGG: Schwimmen, um Leben zu retten

Seit etwa fünf Jahren existiert der Einsatzzug der Schweizer Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) Sektion Mittelrheintal. Seit heuer ist die «Wasserrettung Rheintal» Teil des kantonalen Notrufkonzepts.

Kurt Latzer
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Schwerstarbeit im Dunkeln: Die Wasserretterin Manuela Keel aus Altstätten hat sich an der Übung von Dienstagabend in den Rhein geworfen, um einen Mann an Land zu ziehen. (Bilder: Kurt Latzer)

Schwerstarbeit im Dunkeln: Die Wasserretterin Manuela Keel aus Altstätten hat sich an der Übung von Dienstagabend in den Rhein geworfen, um einen Mann an Land zu ziehen. (Bilder: Kurt Latzer)

Kurt Latzer

Ein Mann ist bei der Rietbrücke in Diepoldsau in den Rhein gestürzt. Um Hilfe rufend paddelt und schwimmt er im fünf Grad kalten Wasser. Der Mann kann sich über Wasser halten. Die Kraft aber, das rettende Ufer zu erreichen, fehlt ihm. Glück im Unglück: Eine Spaziergängerin hat den Sturz gesehen und über 118 die kantonale Notrufzentrale (KNZ) informiert.

Dies war Ausgangslage der Übung der Wasserrettung Rheintal (WRR) am Dienstagabend. Wie die Partnerorganisationen Feuerwehr, Ambulanz und Po­lizei wird die Wasserrettung Rheintal seit diesem Jahr von der KNZ alarmiert. Ihren Stützpunkt hat die WWR im ehemaligen Zivilschutzkeller unter dem Heerbrugger Feuerwehrdepot.

Idee wurde vor fünf Jahren geboren

Möglichkeiten gibt es viele, im Rheintal in «Seenot» zu geraten. Das haben die Vorarlberger schon viel früher erkannt als ihre Schweizer Nachbarn entlang des Rheins. Eine Sektion der Schweizer Lebensrettungs-Gesellschaft gibt es im Mittelrheintal zwar schon lange, einen professio- nell ausgerüsteten und geführten Wasserrettungszug aber erst seit fünf Jahren. Joël Rodi ist Präsident der SLRG-Sektion Mittelrheintal und Zugführer der Wasserrettung Rheintal. «2012 habe ich bei der Feuerwehr Berneck-Au-Heerbrugg die Idee mit der Wasserrettung vorgestellt», sagt Rodi. Die Leitung der Feuerwehr war froh über diesen Vorschlag, denn eigentlich zählt auch die Wasserrettung zu deren Aufgaben. Die WWR hat ein paar kleine Schlauchboote, Ausrüstung, einen Anhänger und ein Mannschaftstransporter. Heute besteht die Gruppe aus 20 Personen, fünf davon sind in Ausbildung. Geübt wird einmal pro Monat. «Ähnlich den Atemschutztagen der Feuerwehr führt die WRR zwei- bis dreimal im Jahr intensivere Arbeitstage durch», sagt Joël Rodi. Geübt werde auch mit Rheintaler Feuerwehren sowie den Vorarlberger und Liechtensteiner Wasserrettern. Alle diese Organisationen arbeiten im Ernstfall zusammen. Alle Wasserretter arbeiten ehrenamtlich. Einen Sold bekommen sie nicht. Ausser, sie werden für ein Ereignis aufgeboten, das versichert ist: Eine Autobergung aus dem Kanal zum Beispiel. Rodi: «Ausrüstung, das Fahrzeug und die Miete der Räume im Feuerwehrdepot finanzieren wir aus SLRG-Vereinsmitteln, Spenden und Sponsorenbeiträgen.»

Wie sich an der Übung am Dienstagabend zeigte, sind Einsatzwille und Können gross. Manuela Keel aus Altstätten hat sich in den fünf Grad kalten Rhein gestürzt und ein paar Minuten später den Figuranten aus dem Wasser gefischt, der übungshalber in den Fluss gesprungen war. Wie steht es mit der Frauenquote im Rettungskorps? Der Vereinspräsident lächelt: «Die stimmt. Sie liegt bei uns bei 50 Prozent.» Zum Vergleich: Die Feuerwehr Berneck-Au-Heerbrugg hat einen Frauenanteil von etwa zehn Prozent. Die WRR geht auch bei der Beschaffung von Ausrüstung spezielle Wege. So zum Beispiel beim neuen Mannschafts- und Materialfahrzeug. «2015 haben wir ­einen Mannschaftstransporter einer Feuerwehr übernommen und unseren Bedürfnissen angepasst», sagt Joël Rodi. Weil das Auto über 25 Jahre alt ist, will die WRR nun ein neues beschaffen. Finanzieren wollen die Wasserretter das Auto mittels Crowd­funding, Sponsorenbeiträgen und Spenden.

Rettungskonzept Alpenrhein erarbeitet

Um schneller am richtigen Ort zu sein, hat die WRR neue Pläne erarbeitet. «In unserem Rettungskonzept haben wir das Gebiet entlang des Rheins vom Bodensee bis zur Illmündung in Abschnitte eingeteilt. Beidseits des Flusses», sagt Joël Rodi. Das Besondere daran: Anhand unterschiedlicher Pegelstände und Strömungsverhältnisse wurde errechnet, welche Distanz eine im Rhein treibende Person in welcher Zeit zurücklegt. «Nach der Meldung können wir auf der Karte auf einen Blick sehen, wie weit eine Person maximal abgetrieben sein kann», sagt WRR-Zugführer Rodi. Weiter flussabwärts als der Ort, an dem die zu rettenden Person im Wasser zu erwarten ist, beginnt die Rettungsaktion mit der Suche flussaufwärts.

Das Rheintaler Rettungskonzept Alpenrheintal wurde mittlerweile von Liechtenstein übernommen, in Vorarlberg ist es in Prüfung.

Hinweis

Mehr zur Aktion fürs neue Einsatzfahrzeug der Wasserrettung Rheintal: www.100-days.net/de/projekt/fahrzeug-wasserrettung.